Im systemischen Krisenmodus

22.04.2019
Prof. Dr. Gustav Horn

Prof. Dr. Horn ist Wirtschaftswissenschaftler. Seit 2005 leitet er das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans-Böckler-Stiftung.

Buchrezension: Der Weg zur Prosperität

Spätestens seit Ende der neunziger Jahre hätte man es wissen können. Die Tektonik unseres Wirtschaftssystems hatte sich verschoben. Seinerzeit gingen die Börsen auf eine rasante Talfahrt, da sich die Rendite Hoffnungen der damals jungen Dotcom Firmen vielfach nicht zu erfüllen schienen.

Die Konjunkturforscher, den Autor eingeschlossen, beeindruckten diese Turbulenzen nur mäßig. Sie reduzierten in Einklang mit gängigen Vorstellungen ihre Prognosen nur ein wenig und betrachteten im übrigen die Geschehnisse mit der gewohnten Distanz von Ökonomen, die sich Wirtschaft nur als Realwirtschaft vorstellen konnten. Ergebnis: Statt des vorhergesagten moderaten Aufschwungs entfaltete sich eine globale Rezession. Eine solch krachende Fehlprognose ist in der Regel ein Anzeichen fundamentalen Unverständnisses. Und was wir Ökonomen damals nicht verstanden haben, das erklärt uns Stephan Schulmeister auf eindringliche Weise in seinem Buch: Der Weg zur Prosperität, das im vergangenen Jahr erschienen ist.

Es geht in Schulmeisters Diktion um eine veränderte Spielanordnung im modernen Kapitalismus. Diese schlägt  sich nicht nur in ökonomischen Verhalten, sondern auch in Gesetzgebung und Marktordnungen nieder. Bereits in den Siebziger Jahren begann demnach mit der Freigabe der Wechselkurse eine systemische Transformation vom Realkapitalismus zum Finanzkapitalismus. Ersterer erzielt seinen Gewinn durch Produktion, Handel und Investitionen auf den Gütermärkten, letzterer durch schnelles “Trading“ auf den Finanzmärkten, nicht zuletzt in dem temporäre Bewertungsunterschiede, von Wechselkursen über Aktienmärkte bis hin zu komplexen Derivaten, ausgenutzt werden. Dominiert ersteres, wird Finanzkapital im Dienst der Finanzierung von realwirtschaftlich orientierten Unternehmen eingesetzt. Dominiert letzteres, dienen Unternehmensaktivitäten dazu, die Renditenanforderungen des Finanzkapitals zu erfüllen.

Schulmeister weist zu Recht auf drei gravierende Probleme hin, die sich aus dieser Transformation ergeben. Erstens, Abwertung von Arbeit. Im Realkapitalismus gibt eine Interessenskoalition zwischen dem Management realwirtschaftlicher Unternehmen und deren Beschäftigten. Sie teilen sich die Renditen auch zu Lasten der Aktionäre. Im Finanzkapitalismus zerbricht diese Machtkonstellation und wird durch ein Bündnis von Management und Finanzinvestoren zu Lasten der Beschäftigten ersetzt. Die Deregulierung der Arbeitsmärkte ist Ausdruck dieses Machtverlustes.

Zweitens bewirkt der Orientierung auf kurzfristige Finanzmarktziele eine Investitionsschwäche. Das aber gefährdet auf Dauer die Renditeerwartungen der Finanzmärkte und führt damit zu einer systemischen Krise, die eine Re –Transformation zum Realkapitalismus erwarten lässt. Schulmeister zählt historische  Beispiele hierfür auf und entwickelt eine Theorie dieser Umwälzungen.

Drittens, jenseits dieser Grundtendenz erzeugt das Herdenverhalten vor der Kulisse unsicherer Kursentwicklungen seitens der Finanzinvestoren immer wieder Phasen realwirtschaftlicher Instabilität, da die Vergabe von Krediten in Phasen eines überbordenden Pessimismus eingeschränkt wird. .

Genau dieser Zusammenhang wurde von den Konjunkturforschern Ende der neunziger nicht verstanden. Heute, eine Finanzkrise später, wissen wir nicht zuletzt dank Stephan Schulmeister um das Krisenpotenzial des Finanzmarktkapitalismus. Das Buch ist ein Muss für jeden, der die ökonomischen Phänomene unserer Zeit verstehen will.