Offener Brief an die Bankenverbände

Aufforderung zu einer Empfehlung an Ihre Mitglieder wegen überhöhter Dispozinssätze

13.05.2020

An:

Bundesverband deutscher Banken
Präsident Martin Zielke
Burgstraße 28
10178 Berlin

Deutscher Sparkassen- und Giroverband
Präsident Helmut Schleweis
Charlottenstraße 47
10117 Berlin

Bundesverband der Deutschen Volksbanken und
Raiffeisenbanken
Präsidentin Marija Kolak
Schellingstraße 4
10785 Berlin

Offener Brief: Aufforderung zu einer Empfehlung an Ihre Mitglieder wegen überhöhter Dispozinssätze

Sehr geehrte Frau Kolak, sehr geehrter Herr Schleweis, sehr geehrter Herr Zielke,

gerade in einer Krise, wie wir sie derzeit erleben, sind Menschen auf die Dienste der Banken und Sparkassen angewiesen. Den Instituten kommt bei monetären Engpässen eine entscheidende Rolle zu. Wie viele Unternehmen brauchen auch Haushalte aktuell kurzfristig Geld, da es beispielsweise Einnahmeausfälle aufgrund von Kurzarbeit gibt. Diese Situation ist unverschuldet eingetreten.

Es ist wahrscheinlich, dass Personen in den kommenden Wochen verstärkt auf ihren Dispositionskredit zurückgreifen müssen. Schließlich wird dieser Kredit häufig genutzt, um temporäre Geldprobleme sowie ungeplante Engpässe und Krisen zu bewältigen. Doch dieser Kredit kommt Kunden vieler Ihrer Mitgliedsinstitute teuer zu stehen.

Trotz eines historisch niedrigen Zinsniveaus verlangen Banken und Sparkassen in Deutschland immer noch Dispozinssätze von durchschnittlich fast zehn Prozent. Dies hat eine Untersuchung von über 3.400 privaten Girokontenmodellen von 1.250 Banken ergeben. Die Spanne der erhobenen Dispozinsen reicht dabei von 0 bis 13,75 Prozent. Über die Hälfte der von der FMH-Finanzberatung im Auftrag von Finanzwende untersuchten Banken und Sparkassen bietet mindestens ein Konto an, bei dem zehn Prozent und mehr Zinsen verlangt werden. Bei Ihren drei Verbänden gibt es jeweils mehrere Mitglieder, die zehn Prozent Dispozinssatz und mehr verlangen.

Immer wieder beschweren sich Banken und Sparkassen, mitunter auch Sie selbst, über die Negativzinsen der Europäischen Zentralbank und fordern Entlastungen. Eine Folge der niedrigen Zinsen ist, dass viele Menschen keine Zinsen mehr auf ihr Guthaben bekommen und sich Banken untereinander sogar zu Minuszinsen Geld leihen. Bei den Dispozinsen, welche die Kunden zahlen müssen, ist diese Entwicklung oftmals aber nicht wirklich angekommen. Und das genau bei dem Teil der Kundschaft, der eh sehr knapp bei Kasse ist und aufgrund der Corona-Krise den Gürtel oft nochmal enger schnallen muss.

Wir fordern Sie deshalb auf, eine klare Empfehlung an Ihre Mitglieder abzugeben, dass diese nicht mehr Dispozinssätze von zehn Prozent und mehr verlangen. Diese Praxis muss in der derzeitigen Situation beendet werden. Niedrigere Dispozinsen sind kundenfreundlich und möglich: Insbesondere einige Sparkassen haben bereits in den letzten Tagen und Wochen aufgrund der Corona-Krise den Dispozins zumindest für Bestandskunden deutlich gesenkt. Gleichzeitig machen einige Banken, darunter auch Regionalinstitute, seit Jahren vor, dass sie auch mit Dispozinssätzen von deutlich unter zehn Prozent wirtschaften können, unabhängig vom Kontomodell.

Wir stellen nicht in Abrede, dass bei einem Dispokredit unter Umständen Kosten für die Refinanzierung, das Eigenkapital, Kreditausfälle und den laufenden Betrieb anfallen. Diese Faktoren können von Bank zu Bank unterschiedlich teuer sein. Aber ein Unterschied von zehn Prozent und mehr zwischen Einlagenzinsen und Dispozinsen ist in Krisenzeiten nicht gerechtfertigt, zumal der Staat den Instituten aktuell durch Hilfsmaßnahmen indirekt und direkt unter die Arme greift.

Banken und Sparkassen sollten sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sein. Sie sollten die Situation um Corona nicht nutzen, um Menschen durch überhöhte Dispozinsen immer stärker in Not zu bringen. In einigen Fällen trägt das Agieren Ihrer Mitglieder sogar zu einer Überschuldung bei.

Der Chef der Deutschen Bank, Christian Sewing, hat sinngemäß verlauten lassen: In der Finanzkrise waren die Banken der Auslöser, in dieser Krise könnten sie einen Beitrag zur Lösung der Krise leisten. Es ist an der Zeit, dass Banken und Sparkassen diese Haltung nun unter Beweis stellen. In diesem Sinn fordern wir Sie nochmals auf, Ihre Mitgliedsunternehmen mit einer klaren Empfehlung beim Dispozinssatz zu einem fairen Umgang mit der Kundschaft zu bewegen.

Wir bitten Sie um eine Reaktion auf unsere Aufforderung bis zum 22. Mai 2020. Selbstverständlich werden wir Ihre Antworten auf unserer Webseite dokumentieren, damit sich alle ein Bild von Ihrer hoffentlich positiven Rückmeldung machen können.

Mit freundlichen Grüßen

Gerhard Schick                                                        Julian Merzbacher
Vorstand Finanzwende                                        Verbraucherschutzexperte Finanzwende


Update 9. Juni: Der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) hat uns mittlerweile geantwortet und Stellung bezogen. Das Schreiben sowie unsere Einordnung dazu finden sie hier.

Hier geht es zu unserer Kampagne

Ein herabzeigender Pfeil auf ein Prozentzeichen. Dazu der Kampagnenslogan "Dispozins runter!"

Dispozins runter!

Hohe Dispozinsen können in der Corona-Krise unverschuldet zu einer finanziellen Überlastung von Menschen beitragen und in die Überschuldung führen. Dispozinsen von zehn Prozent und mehr sind nicht zu rechtfertigen. Finanzwende fordert die Banken und Sparkassen auf, diese Praxis einzustellen.
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