Standpunkt: Taxonomie – Jetzt erst recht ohne Gas und Atom

25.03.2022
Magdalena Senn

Magdalena Senn ist bei Finanzwende für das Thema Sustainable Finance zuständig. Sie hat in Tübingen, Berlin und Paris Volkswirtschaft und politische Ökonomie studiert. Danach hat sie im Europaparlament die Arbeit eines Abgeordneten im Wirtschafts- und Währungsausschuss begleitet.

Jetzt erst recht ohne Gas und Atom

Noch zu Beginn dieses Jahres war die Taxonomie in aller Munde. Viele fassten sich an den Kopf, dass Atomkraft und fossiles Gas als nachhaltig eingestuft werden sollen. Vergleiche machten die Runde: Dies sei, als wenn Behörden Schokolade als gesund labeln würden oder Sekt als Softdrink. Doch schon vor der russischen Invasion der Ukraine ist es relativ still um das Thema geworden. Die EU-Kommission sollte nun die aktuellen Entwicklungen zum Anlass nehmen, ihre Entscheidung zu revidieren.

Es war von vornherein eine denkbar schlechte Idee, Erdgas und Atomkraft „nachhaltig“ zu labeln. Das vorgeschobene Argument der Energiesicherheit hält bereits einer kurzen kritischen Bewertung nicht stand. Es ist zwar richtig, dass viele EU-Staaten Atomkraft und fossiles Gas im Übergang zur Klimaneutralität benötigen werden. Doch brauchen diese Länder kein grünes Label, um Gas- oder Atomkraft zu nutzen. Die EU-Staaten sind und bleiben frei in der Wahl ihrer Energiequellen.

Allein angesichts der klimaschädlichen Emissionen von Gas und der extremen Risiken von Atomkraft ist das Nachhaltigkeitssiegel der EU jedoch mehr als unangebracht. Die EU-Kommission erweist den Finanzmärkten damit einen Bärendienst. Die grüne Einstufung von Gas und Atomkraft bringt letztlich vor allem Unklarheit, während sie doch Transparenz und einen einheitlichen Standard für Finanzakteure schaffen sollte. Das bisherige Chaos durch das Nebeneinander verschiedener Standards würde damit genauso weitergehen wie Greenwashing.

Russlands Angriffskrieg sollte eigentlich ein weiterer Anlass für die EU-Kommission sein, den delegierten Rechtsakt für Gas und Atom einzustampfen. Beide Energieträger haben uns von Russland abhängig gemacht. Nicht nur Gas fließt von dort durch Pipelines zu uns – auch das Uran für europäische Atomkraftwerke stammt zu großen Teilen aus Russland und Kasachstan. Die russische Einnahme des Atomkraftwerks in Tschernobyl und der Beschuss eines weiteren Atomkraftwerks im Zuge von Kampfhandlungen in der Ukraine zeigen erneut, welche reale Gefahr von der Atomkraft ausgeht. Mit der neuen geopolitischen Lage, an der nachhaltigen Einstufung von Atom und Gas festzuhalten, wie die EU-Kommission es tut, ist deshalb doppelt absurd.

Um es nochmals klar zu sagen: Die Taxonomie schafft keine Verbote. Doch sie führt wohl zu Finanzierungsvorteilen am Finanzmarkt. Diese sollten ausschließlich wirklich nachhaltigen Wirtschaftsaktivitäten wie der Stromerzeugung durch Wind und Sonne vorbehalten sein. Und diese Energien, von Christian Lindner im Übrigen als Freiheitsenergien betitelt, sind sogar doppelt nachhaltig: Sie reduzieren unseren negativen Einfluss auf Klima und Umwelt und unsere Abhängigkeit von Staaten wie Russland, Katar und Co. gleichermaßen. Solche Abhängigkeiten zu stoppen ist auch das zentrale Anliegen des globalen Klimastreiks der Fridays-for-Future-Bewegung diesen Freitag. Diese Forderung sollte sich die EU-Kommission zu Herzen nehmen und entsprechend den Rechtsakt zur Taxonomie zurückziehen.

Abgeschlossene Kampagne

EU-Taxonomie: Kein Geld für Atom und Gas!

Kein Geld für Atom und Gas!

Die EU-Kommission hat Investitionen in Atomkraft und Erdgas im Rahmen der EU-Taxonomie als nachhaltig eingestuft - das untergräbt die Glaubwürdigkeit nachhaltiger Finanzmärkte. Mit einem Appell wollten wir das verhindern!
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