Standpunkt: Zentralbanken sind keine Krisenfeuerwehr

13.10.2022
Dr. Gerhard Schick

Gerhard Schick ist promovierter Volkswirt und Vorstand der Bürgerbewegung Finanzwende. Für die Arbeit im Verein legte er sein Bundestagsmandat nieder.

Die britische Krise zeigt einmal mehr: Finanzmärkte brauchen eine strenge Regulierung statt teurer Rettungsaktionen.

65 Milliarden Pfund muss die Bank of England in die Hand nehmen, um einen gefährlichen Teufelskreis an den Finanzmärkten zu stoppen. Diese Rettungsaktion ist nicht nur die Quittung für die desaströsen ersten Amtswochen der neuen britischen Premierministerin Liz Truss. Sie zeigt auch, dass die Akteure auf den Märkten ihre Risiken noch immer allzu bereitwillig auf die Allgemeinheit abwälzen. Ändern wird sich das erst mit staatlicher Regulierung.

Diese Rettungsaktion zeigt auch, dass die Akteure auf den Märkten ihre Risiken noch immer allzu bereitwillig auf die Allgemeinheit abwälzen.

Hintergrund der Zentralbank-Intervention ist die Anlagestrategie der britischen Pensionsfonds. Die hatten sich gegen das Risiko langfristig niedriger Zinsen mit sogenannten LDI-Strategien (Liability Driven Investment) abgesichert. Auf diese Derivate werden Sicherheitszahlungen fällig, was in der Regel auch kein Problem ist. Doch als die neue Regierung die Anleihemärkte mit der Ankündigung ihrer Finanzpolitik ins Chaos stürzte, konnten die Fonds die zusätzlichen Zahlungen nicht mehr leisten. Um liquide zu sein, mussten sie Staatsanleihen verkaufen, die dadurch wiederum im Wert sanken.

Es drohte eine Destabilisierung des britischen Finanzmarkts. Um das zu verhindern, sah sich die Bank of England zu einem milliardenschweren Kauf von Staatsanleihen gezwungen. Dieser Vorgang ist gefährlich. Erstens, weil so eine Zentralbank mitten in einer anhaltend hohen Inflation zusätzliches Geld in den Markt pumpt, statt – wie geplant – ihren Bestand an Anleihen zu reduzieren. Und zweitens, weil so Risiken von Finanzmarktakteuren sozialisiert, Gewinne aber privatisiert werden.

Absurderweise kommt so die geplante Umverteilung von unten nach oben, die mit der Rücknahme der geplanten Steuersenkungen durch die neue Regierung eigentlich vom Tisch war, doch zustande. Denn die Profiteure der Intervention sind einige Fonds und ihre Anleger. Zahlen werden dafür Millionen britische Haushalte, etwa durch einen weiteren Anstieg der Hypothekenzinsen.

Zahlen werden dafür Millionen britische Haushalte, etwa durch einen weiteren Anstieg der Hypothekenzinsen.

Klar ist: Die heftige Reaktion der Finanzmärkte auf die Pläne der neuen Regierung war ein Extremereignis. Doch solche Verwerfungen sind längst ein Teil der Normalität. Wer damit nicht rechnet, handelt grob fahrlässig – und ist sich vielleicht zu sicher, dass ihn Regierungen und Zentralbanken nach dem “Too big to fail”-Prinzip schon retten werden, wenn es ernst wird. Finanzmärkte brauchen eine Aufsicht, die Anlagestrategien auf Kosten der Allgemeinheit konsequent unterbindet, und eine Regulierung, die für ausreichende Sicherheitspuffer bei den Finanzakteuren sorgt.