10 Jahre Lehman-Pleite - Probleme benennen, Lösungen finden!

Die Einladungen für die große Revival-Party der ehemaligen Lehman-Beschäftigten sind verschickt, also Zeit Revue passieren zu lassen, was sich in den letzten 10 Jahren so getan hat, um eine Wiederholung eines derartigen Ereignisses zu verhindern.

12.09.2018
  • Die meisten Probleme, auf die die 2008-er Krise zurückzuführen war, existieren nach wie vor.

  • Die Regulierung von Banken war bisher weder ausreichend, noch wurde sie konsequent verfolgt. Großbanken sind heute noch größer als 2008 - die "Too big to fail"-Problematik wurde somit verschärft.

  • Eine Ursachenbekämpfung von Finanzkrisen erfordert das Hinterfragen grundlegender Pfeiler des Finanzwesens: Wie viel Wirtschaftswachstum ist gut? Darf Geld für jede Form der Spekulation missbraucht werden? Wir sagen: Es ist Zeit für eine Finanzwende!

Im Angesicht des Schocks, den die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers 2008 auf den Finanzmärkten auslöste, legten die Regulatoren damals mit großer Energie los, gute Regeln für die Abwicklung von Banken zu schaffen. Unter anderem hat uns das den "einheitlichen europäischen Bankenabwicklungsmechanismus" (Single Resolution Mechanism, kurz: SRM) beschert, einen Mechanismus zur Abwicklung von insolventen Banken ohne Beteiligung von Steuergeldern ("bail-in"). Das Ziel des SRM sollte also die Entlastung der Steuerzahlerinnen und des Staates sein. Gläubiger sollten für die Schulden von Banken einspringen. Die Entscheidungsgewalt über den SRM liegt beim "einheitlichen Abwicklungsgremium" (Single Resolution Board, kurz: SRB).

Bei den ersten Umsetzungen dieses Abwicklungsmechanismus kam es dann allerdings gleich zweifach zum Sündenfall; in einem Fall – Banco Popular in Spanien – wurde eine an sich funktionsfähige Bank im Hauruck-Verfahren verkauft und im zweiten – Banco Popolare und Monte Paschi in Italien – wurden dann doch Ausnahmeregelungen ausgenutzt, um die Gläubiger zu schützen und die Steuerzahlerinnen mit dem Sanierungsaufwand zu belasten. Fakt ist: Es werden weiterhin Banken unter Einsatz von Steuergeldern gerettet werden! Dies halten wir für ungerecht.

"Too big to fail" – mehr denn je!

Dann gab es noch die oft zitierte "Too big to fail"-Problematik, die besagt, dass es Banken gibt, die so groß sind, dass ihr Kollaps die Realwirtschaft mit in den Abgrund reißen würde und sie deshalb unter allen Umständen (mit Staatsgeldern) gerettet werden müssen. Hier sagt der gesunde Menschenverstand, dass eine grössere Anzahl kleinerer Banken zu einer erhöhten Stabilität für das Finanzsystem führen muss. Allerdings ist das Gegenteil passiert: wir haben heute weniger Banken als 2008, die logischerweise größer sind. Mit der größeren Bilanzsumme steigt der Grad der Vernetzung innerhalb des Finanzsystems und damit die Geschwindigkeit, mit der sich Krisen ausbreiten können.

Doch Banken sind nicht nur untereinander eng verknüpft. Auch Staaten und Banken sind stark vernetzt. Dieser sogenannte "Doom Loop" führt dazu, dass Staaten für ihre Budgets auf Banken angewiesen sind, von denen sie sich Geld leihen. Diese sind wiederum – wegen der bevorzugten Risikogewichtung von Staatsanleihen – bei der Anlage ihrer Überschussreserven auf Staatsanleihen angewiesen. Dies führt zu einer gegenseitigen Abhängigkeit und somit zu einem Interessenkonflikt, der die Bereitschaft auf Seiten des Staates im Falle eines Falles eine Bank in die Insolvenz zu entlassen, deutlich dämpft. Eine höhere Gewichtung des Risikos von Staatskrediten wird seit Jahren diskutiert; Ergebnis Null!

Offene Baustellen an allen Ecken

Und wir wollen auch nicht die "Masters of Desaster" vergessen; die Ratingagenturen! Mit Fehlbewertungen, fragwürdigen Prozeduren und manipulierten Ratings waren sie maßgeblicher Auslöser für die Vorgänge von 2008. Dies belegen die Senatsanhörungen in den USA aus dem Jahr 2010. Trotzdem wachen sie weiterhin über das Wohl und Wehe der Emittenten am Anleihemarkt. Als negatives Beispiel mag die Türkei dienen, die aktuell in der Spirale zwischen Herabstufungen und Währungsverfall zerrieben wird.

Und so könnte man weitermachen, über systemische Probleme wie Fiat-Geld, bis hin zu einer Wirtschaftswissenschaft, die gerade erst beginnt, die Existenz von Geld und Finanzsystemen zur Kenntnis zu nehmen, während die Vermögenswerte z.B. in den USA inzwischen das 5,5-fache des Bruttoinlandsprodukts (BIP) erreicht haben. Fazit ist, gut gemeint ist nicht gut gemacht und die meisten Probleme, auf die die 2008-er Krise zurückzuführen war, existieren nach wie vor.

Veränderung muss in neuen Dimensionen gedacht werden

Allen genannten Punkten aber ist ein Thema gemein: die Verschuldung. Heute sind 30 % mehr Schulden in der Welt als 2008. Wieso müssen wir eigentlich immer mehr Schulden machen?

Stellen wir uns die Wirtschaft als eine Heizung vor, in die Brennstoff eingefüllt wird und als Produkt Wärme – gleich Wachstum – entsteht. Die unbequeme Wahrheit ist, dass ein bedeutender Teil des Brennstoffs Verschuldung ist. Die USA benötigten zum Beispiel im ersten Quartal 2016 10.000 Dollar an Schulden, um 1.000 Dollar an Wachstum zu generieren. Ob man eine Heizung mit einem so schlechten Wirkungsgrad kaufen würde, mag jeder für sich selbst entscheiden. Wachstum ist also häufig nur zum Preis massiver Schuldensteigerung erhältlich.

Schulden können in einer Volkswirtschaft die Privaten, der Staat und das Ausland machen. Wenn aus demographischen Gründen die Privaten sparen, müssen entweder der Staat oder Investoren aus dem Ausland diese Lücke durch Verschuldung füllen. Das gilt in jeder denkbaren Kombination der drei – oder die Heizung wird kalt, es gibt kein Wachstum. Will man das Finanzkrisen zugrunde liegende Problem der Verschuldung also angehen, tut eine Diskussion über die Ausgestaltung einer Postwachstums-Gesellschaft dringend Not. Die Frage "Wie viel Wachstum verträgt unsere Gesellschaft?" muss beantwortet werden.

Gemeinwohlorientierte Finanzwende – jetzt!

Es ist zu viel Geld in der Welt heißt es oft. Aber wie soll sich der Verbraucher in diesem übersättigten Markt zurechtfinden und sein Geld an der richtigen Stelle anlegen? In Deutschland existieren über eine Million Finanzprodukte, die nur zum Spekulieren von Privatanlegern geeignet und von denen viele nicht voneinander unterscheidbar sind. Um dies ins Verhältnis zu setzen: Ein Lebensmitteldiscounter hat circa 15.000 Produkte, ein Vollsortimenter um die 50.000.

Einige dieser Anlageformen sind nützlich, viele toxisch, also was tun? Und wer vertritt mein Interesse, das Finanzwesen wieder mehr dem Primat des Gemeinwohls unterzuordnen? Und was meint das eigentlich? Und reicht die bestehende demokratische Kontrolle aus oder brauchen wir neue Formen der Bürgerbeteiligung in Fragen der Geldverfassung?

Fest steht, all diese Fragen gehören beantwortet. Es ist höchste Zeit, dass sie endlich auch auf politischer Ebene Gehör finden. Deshalb gehen wir los und leiten gemeinsam die nötige Finanzwende ein.

Mit Sachverstand und Ihrer Unterstützung können wir die nötigen Veränderungen erzwingen: Eine Finanzwende - damit die Märkte wieder den Menschen dienen und nicht umgekehrt. Machen Sie mit und tragen Sie sich jetzt für unseren Newsletter ein!