Faire Altersvorsorge

Die private Altersvorsorge in Deutschland nutzt in erster Linie der Versicherungsbranche. Während diese auf wackeligem Fundament ihren Profit in die Höhe treibt, bleiben Verbraucher häufig auf der Strecke. Dabei gibt es schon gute Alternativen.

12.09.2018
  • Die Riester-Rentenreform war und ist gut für die Lebensversicherer, aber hat ansonsten ihre Ziele klar verfehlt. Kundinnen und Kunden profitieren davon in vielen Fällen gar nicht.

  • Die Versicherungslobby hat es geschafft, ehemals staatliche Aufgaben zu privatisieren und profitiert davon im großen Stil. Die Risiken dieses Geschäftsmodells tragen jedoch immer noch die Versicherten und der Staat. Mit durchschnittlich nur 1,4 % Eigenkapital sind die Versicherer keineswegs krisenfest.

  • Private Altersvorsorge kann so gestaltet werden, dass sie Bürgerinnen und Bürgern zugute kommt. Der schwedische Bürgerfonds steht exemplarisch für ein privates Vorsorgeangebot, das Bürgerinnen und Bürgern wirklich etwas bringt.

Die Riester-Rentenreform hat unser Sozialgefüge gewaltig aus den Fugen gehoben. Das Niveau der gesetzlichen Rente wurde gesenkt. Private Vorsorge sollte diese Absenkung ausgleichen.

Faktisch entwickelte sich die private Altersvorsorge in erster Linie zu einem Förderprogramm für Lebensversicherungen und Vertriebsorganisationen. Wie so oft hat sich die Regierung von der Versicherungslobby über den Tisch ziehen lassen und die Finanzialisierung hat Einzug in den Bereich der Rente genommen. Dabei zeigt das Beispiel des schwedischen Bürgerfonds, wie es anders gehen kann.

Die Lebensversicherer haben mit dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) wahrscheinlich die am besten organisierte Lobby in Deutschland. Sie schafft es immer wieder, dass Gesetze im Sinne der Versicherer formuliert werden. Das Ergebnis: Bürgerinnen und Bürger bleiben dabei auf der Strecke. Die Versicherten werden mit einem Garantiezins  von nahe Null abgespeist, während die Eigenkapitalrendite des deutschen Marktführers Allianz immer noch bei obszönen 31 % liegt.

Riester-Rente: Geschenk für Lebensversicherer!

Die Konditionen der Riester-Rente wurden so ausgestaltet, dass sie perfekt auf private Lebensversicherer passen. Unter diesen Voraussetzungen beschäftigt die Versicherungsbranche derzeit 206.110 Vermittler und Berater. Diese arbeiten oft in Drückerkolonnen, weil die Branche befürchtet, dass sich ihre Produkte sonst nicht ausreichend verkaufen würden.

Um dieses riesige Heer an Versicherungsvertreterinnen ernähren zu können, müssen die Kundinnen meist 5 % Abschlussprovision bezahlen und zwar auf die gesamte Versicherungssumme. Das ist an sich schon unglaublich viel Geld. Noch schlimmer aber ist, dass so viele Kundinnen schlecht beraten werden und daher vor Vertragsende kündigen.

Die tatsächliche Provision auf die eingezahlten Beträge kann daher leicht über 10 % betragen. Kein Wunder, dass es da zu Exzessen kommen kann, wie den sogenannten "Incentivereisen", mit denen die Vermittler und Berater zum Abschluss getrieben werden - auf Kosten der Kunden natürlich.

Wenig Rentabilität - viel Risiko

Die wichtigsten Gründe, die gegen eine private Altersvorsorge mittels Lebensversicherungen sprechen, sind die hohen Gebühren, die schlechte Rendite und die Gefahr einer Schieflage der Versicherung.

Das System der Garantiezinsen erfordert, dass das Geld der Kundinnen in konservative, niedrigzinsige Wertpapiere investiert wird und somit einen garantierten Zins abwirft. Nach Abzug der Kosten, die in die Taschen der Versicherungsindustrie wandern, ist die Garantieverzinsung gerade noch über Null Prozent. Die effektiv erzielte Rendite in den letzten Jahrzehnten war daher viel zu niedrig. Gegenüber einer privaten Rente in Form einer Lebensversicherung wäre die kapitalgedeckte Vorsorge um über 20 % höher gewesen, wenn man ohne Lebensversicherung selber Jahr für Jahr Bundesanleihen gekauft hätte, und gar um fast 50 % höher, wenn man in den DAX investiert hätte (Vergleichszeitraum 1981 bis 2011).

Während die Lebensversicherungen, die vielen Riester-Kundinnen verkauft werden, also nur wenig rentabel sind, stellt sich noch die Frage der Krisenfestigkeit der Versicherer. Schließlich weisen die Lebensversicherer im Schnitt nur 1,4 % Eigenkapital auf – das ist sehr wenig, wenn es darum geht, Verluste abzupuffern.

Die Versicherungsunternehmen verweisen bei diesem Thema stets auf ihre Auffanggesellschaft, die Protektor AG, mit der sie verhindern wollen, dass die Versicherten ihre private Altersvorsorge bei einer Pleite verlieren. Protektor funktioniert jedoch nur bei der Schieflage einer kleineren oder mittelgroßen Versicherung. Wenn aber ein großes Unternehmen oder mehrere kleinere aufzufangen wären, wäre die Protektor AG nicht stark genug. Vor allem aber kann laut Gesetz im Fall einer Schieflage die Bundesaufsicht für Finanzdienstleistungen die Ansprüche der Versicherten heruntersetzen, bevor die Unternehmen selber richtig zur Kasse gebeten werden (Versicherungsaufsichtsgesetz, §314).

Damit sind Versicherungskunden deutlich schlechter gestellt als Bankkunden, was aber im Verkaufsgespräch selten erwähnt wird. Bei den Banken sind 100.000 Euro für jeden Kunden gesetzlich garantiert geschützt. Wenn eine Bank also Pleite gehen sollte, ist gesetzlich geregelt, dass zuerst die Aktionäre, dann die Gläubiger und dann die Großkunden haften, während die Kleinkunden (bis 100.000 Euro) auf jeden Fall geschützt sind. Bei den Versicherungsunternehmen gibt es hingegen keinen Kleinanlegerschutz. Es gibt auch keine Regelung, wonach Aktionäre und Gläubiger zuerst haften müssen, bevor die Versicherten ihre Ersparnisse verlieren.

Die Lebensversicherer betreiben also hochprofitable Geschäfte, die durch die Kürzung der staatlichen Rente und die Einführung der Riester-Rente gefördert wurden, den Kundinnen kaum weiterhelfen und in keiner Weise krisensicher sind.

Schlechte Rentenpolitik ist kein Sachzwang - wir können etwas ändern!

Dass das Ganze auch anders funktionieren kann, zeigt Schweden. Auch dort hat man sich entschlossen, einen kleinen Teil der Altersvorsorge über private Ersparnisse zu organisieren. Doch anstatt damit ein Konjunkturprogramm für die Lebensversicherer aufzulegen, hat der Staat einen Bürgerfonds gegründet, in den Bürger und Bürgerinnen einzahlen können. Dieser Fonds verlangt keinerlei Abschlussprovision und auch die laufenden Verwaltungsgebühren sind nur etwa ein Zehntel so hoch wie die der deutschen Versicherer.

Bis zum 55. Lebensjahr werden in Schweden üblicherweise 100 % der privaten Altersvorsorge in Aktien angelegt. Während hier in Deutschland die Bürgerinnen und Bürger schon anfangen über Enteignung ihrer Ersparnisse zu sprechen, kann sich der schwedische Bürgerfonds kaum vor Zustrom retten. Kein Wunder: die Rendite der letzten zwölf Monate betrug 26,3 % und die durchschnittliche Rendite der letzten fünf Jahre lag bei 19,6 %.

Auch in Deutschland könnte man die Altersvorsorge vernünftig reformieren. Wir müssen die gesetzliche Rente wieder stärken. Und wir müssen die private Altersvorsorge nach schwedischem Vorbild organisieren. All das geht nur, wenn wir ein Gegengewicht zur Versicherungslobby haben, damit diese nicht mehr die Gesetzgebung nach ihren Interessen gestalten kann. Mit Sachverstand und Ihrer Unterstützung können wir die nötigen Veränderungen erzwingen: Eine Finanzwende - damit die Märkte wieder den Menschen dienen und nicht umgekehrt. Machen Sie mit und tragen Sie sich jetzt für unseren Newsletter ein!