Hinter der Libra-Maskerade

Was Facebook zur Digitalwährung Libra sagt - und was wirklich dahinter stecken könnte. Facebook will unter dem Deckmantel hehrer Versprechungen die Digitalwährung Libra einführen. Finanzwende lüftet die wichtigsten fünf Masken.

15.08.2019

Was Facebook sagt…
„Libras Mission ist es, eine einfache, globale Währung für Milliarden von Menschen bereitzustellen, die ihnen das Leben leichter“ macht.

… und was dahinter stecken könnte
Angeblich soll die Libra rund 1,7 Milliarden Menschen weltweit, die bisher ohne Bankkonto leben, Zugang zu einem günstigen Zahlungsverkehr verschaffen. In Wahrheit könnte die neue Währung unter dem Deckmantel von Wohltaten für die globale Gesellschaft aber schlicht ein Geschäftsmodell sein.

So dürfte Facebook von dem weltweiten Währungsexperiment auf vielerlei Arten profitieren – zum Beispiel durch noch mehr Daten, mögliche Zinsgewinne in Milliardenhöhe und den Erhalt seiner Vormachtstellung, indem es wie sein chinesischer Konkurrent WeChat dann auch im Zahlungsverkehr mitmischt. Wenn sich Libra so rasant verbreitet wie erwartet, würde Facebook endgültig zudem für viele Menschen unverzichtbar, die sich heute noch gegen das Netzwerk sträuben.

Und: Ginge es Facebook wirklich darum, globale Zahlungen einfacher und kostengünstiger zu machen, warum gründet es dann nicht einen Dienstleister wie Transferwise oder Western Union? Eine eigene Währung braucht es dafür jedenfalls nicht.

Was Facebook sagt…
Libra soll durch die Libra Association gesteuert werden. „Die Libra Association ist eine nicht gewinnorientierte, unabhängige, gemeinnützige Mitgliederorganisation mit Hauptsitz in Genf, Schweiz.“

… und was dahinter stecken könnte
Dass es ein Geschäftsmodell hinter Libra gibt, hat Facebook bei einer Befragung vor dem US-Kongress bereits eingeräumt. Demnach will der Konzern vor allem vom zusätzlichen Onlinehandel profitieren.

Auch andere Indizien sprechen dafür, dass die Libra Association - der bisher 28 Riesen wie Visa, Ebay oder Uber angehören - nicht ganz so uneigennützig agiert wie die Ankündigungen nahe legen. So sollen Zinsgewinne auf die Geldreserve der Libra, in die alle Nutzer durch den Umtausch von klassischen Währungen einzahlen, nur an die Club-Mitglieder fließen. Schließlich sind vom Start weg auch einige Risikokapitalgeber dabei, die üblicherweise renditeorientiert arbeiten.

Tatsächlich handelt es sich bei der Libra Association, die Wohl und Wehe der neuen Währung mindestens fünf Jahre lang zentral steuern soll, um einen elitären Club: Wer Mitglied werden will, sollte schon mehr als 20 Millionen Kunden oder eine Marktkapitalisierung ab einer Milliarde Dollar vorweisen können. Das Eintrittsgeld in Genf beträgt 10 Millionen Dollar. Ob und inwieweit diese Konzernriesen ihre Kontrolle tatsächlich freiwillig abgeben, ist offen.

Und auch wenn Facebook beteuert, man sei im Libra-Club nur ein Partner unter vielen, ist seine Rolle doch hervorgehoben – schon deshalb, weil der Konzern 2,4 Milliarden potenzielle Nutzer einbringt (mehr als alle anderen) und eine Geldbörse „Calibra Wallet“ für Libra anbietet (früher als alle anderen). Das könnte Facebook einen uneinholbaren Vorsprung verschaffen.

Was Facebook sagt…
„Facebook hat Calibra, ein reguliertes Tochterunternehmen, gegründet, um die Trennung zwischen sozialen und finanziellen Daten zu gewährleisten.“

… und was dahinter stecken könnte
Beim heiklen Thema Datenschutz macht Facebook zwar das Versprechen, die sozialen Daten von Facebook und eventuelle Zahlungsdaten von Libra säuberlich getrennt zu halten. Glaubwürdig ist das aber kaum: Schon bisher hat der Konzern solche Versprechen nachträglich gebrochen (Whatsapp) und erwiesenermaßen beim Schutz von Kundendaten gepatzt (Cambridge Analytica) .

Und auch diesmal gibt es Anzeichen, dass es  Facebook mit dem Datenschutz nicht wirklich ernst meint: Den zuständigen Schweizer Datenschutzbeauftragten hatte Facebook jedenfalls noch Wochen nach Veröffentlichung seiner Pläne nicht kontaktiert.

Und was passiert eigentlich mit Zahlungsdaten, wenn die Nutzer über Facebook-Unternehmen wie Whatsapp ihr digitales Geld versenden? Weiß Facebook davon auch nichts?

Was Facebook sagt…
„Wir glauben, dass eine globale Währung und Finanzinfrastruktur als öffentliches Allgemeingut konzipiert und geregelt sein sollten.“

… und was dahinter stecken könnte
Das klingt alles schön, doch eigentlich funktionieren Tech-Riesen wie Facebook anders: Sie wollen mit ihrer Technologie nicht nur nationale Märkte erobern, sondern die ganze Welt – und zwar schnell. Der Gewinner setzt technologische Standards und dominiert den Markt.

Weil die Nutzer von Libra identifiziert werden müssen, um Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung zu verhindern, könnte Facebook einen weiteren Coup machen: Die Libra Blockchain – also die hinter Libra stehende Technologie – dürfte auch  genutzt werden, um einen solchen internationalen Identitätsstandard zu schaffen.

Im Klartext hieße das, dass ein Konsortium von 100 multinationalen Unternehmen Herr über unsere digitale Identität werden würde. Sie hätten damit potentiell derzeit nicht vorstellbare Möglichkeiten für die Überwachung und Auswertung unseres Verhaltens. Ein derartiges Macht- und Missbrauchspotential gehört aus Sicht von Finanzwende nicht in die Hände von ein paar Großkonzernen.

Was Facebook sagt…
„dass jeder Besitzer von Libra in hohem Maß sicher sein kann, seine digitale Währung zu einem Wechselkurs in ein lokales Zahlungsmittel umtauschen zu können.“ Die Libra sei „sicher“.

… und was dahinter stecken könnte
Grundsätzlich wird der Wert einer Libra von einem fiktiven Währungskorb bestimmt, der sich aus Anteilen an realen Währungen wie Euro, Dollar und Yen zusammensetzt.  Diese bei Ausgabe des Libra erhaltenen Gelder will die Libra Association in Bankkonten und vermeintlich liquide Vermögenswerte halten. Damit soll sichergestellt sein, dass Libra seinen Wert behält.

Das klingt gut, tatsächlich ist die Libra Association jedoch eine Unternehmung mit beschränkter Haftung. Sie verspricht nur, die Libra stabil zu halten, will sich aber bislang nicht verpflichten, das Digitalgeld wieder in Euro oder Dollar zurückzutauschen. Im Krisenfall könnte die Libra Association einfach aussteigen – und die Nutzer ihr Geld verlieren. Anders als bei gesetzlichen Währungen muss auch kein Händler die Libra als Zahlungsmittel akzeptieren.

Ganz so unwahrscheinlich wie Facebook es darstellt ist so ein Szenario  nicht: Libra funktioniert im Prinzip wie ein Geldmarktfonds. In der Finanzkrise 2008 konnten eben solche Geldmarktfonds ihre Verpflichtungen gegenüber den Anlegern nicht erfüllen.

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