Libra/Diem: Ein Tsunami rollt (zunächst) an uns vorbei

Facebooks Währung startet erstmal nicht in Europa. Zeit, sich auf die nächste Welle vorzubereiten.

29.06.2021
Der Kampagnenslogan "No libra! facebooks Währung stoppen!" und im Hintergrund viele Coins mit facebook-logo.
  • Die Facebook-Währung Diem/Libra startet (zunächst) nicht in Europa.
  • Nach öffentlichem Druck, auch durch Finanzwende, und einigen Problemen geht das Währungsprojekt nun erstmal nur in den USA an den Start.
  • Es gilt wachsam zu bleiben. Insofern wurden die von Finanzwende gesammelten Unterschriften auch als Mahnung übersandt.

Vor rund zwei Jahren kündigte Facebook, gemeinsam mit Gründungsmitgliedern wie Mastercard, Paypal oder Spotify mit Libra eine eigene Weltwährung an. Dieses Vorhaben wurde von vielen Expertinnen als potentieller Tsunami für das globale Finanzsystem eingestuft: zu groß, zu intransparent, zu wenig reguliert – und viel zu gefährlich. Eine Einschätzung, die auch Finanzwende teilte. Deshalb organisierten wir in einem Bündnis aus WeMove.eu, FinanceWatch und zehntausenden Unterstützern eine starke zivilgesellschaftliche Stimme gegen das Währungsprojekt.

Öffentlicher Widerstand gegen Facebooks Pläne mit 83.000 Stimmen

Auch der deutsche Finanzminister Olaf Scholz bezeichnete Facebooks Pläne später zurecht als Wolf im Schafspelz. Sein französischer Amtskollege Bruno Le Maire und die Europäische Zentralbank positionierten sich ebenfalls klar gegen die Währung — aber wieso eigentlich?

Wie problematisch sehr große und stark vernetzte Strukturen auf den Finanzmärkten sind, hat uns die letzte Finanzkrise schmerzlich offenbart. Das Libra-Projekt wäre bei über zwei Milliarden Facebook-Nutzern und der Reichweite der weiteren Partner potentiell sehr schnell sehr groß geworden. Gleichzeitig war unklar, welche Regulierung für das supranationale Konzept greifen würde und welche Behörde welche Kontrollfunktion übernehmen könnte. Auch beim Thema Verbraucherschutz stellten sich gewichtige Fragen. Hier kommt zum Beispiel Facebooks problematische Vergangenheit mit Blick auf den Datenschutz ins Spiel. Zudem besteht die Gefahr, dass Libra insbesondere in Ländern des globalen Südens nationale Währungen verdrängen und damit die Souveränität von Staaten untergraben könnte. 

Unter diesen Voraussetzungen wäre Libra wohl wie ein Tsunami auf den internationalen Finanzmärkten eingeschlagen — ein Szenario, dass auch Finanzwende unbedingt verhindern wollte. Gemeinsam mit WeMove.EU, FinanceWatch und über 83.000 Unterstützerinnen unserer Petition konnten wir eine kritische Öffentlichkeit gegen die Währungspläne miterzeugen. Es ist dieser Druck, der es schaffen kann, selbst Weltkonzerne wie Facebook einzuhegen und abzuwehren.

Nach zahlreichen Zugeständnissen und sogar einer Umbenennung der Währung von „Libra“ zu „Diem“ hat Facebook nun angekündigt, den Sitz der Organisation aus Genf in die USA zu verlegen. Zuvor waren bereits zahlreiche Kooperationspartner abgesprungen und auch die Idee der Besicherung von Libra bzw. Diem über einen gemischten Währungskorb gekippt. Statt auf eine Weltwährung, die über Nacht womöglich Milliarden-Reserven an Dollar, Yen, Euro und Pfund in Facebooks schöne neue Finanzwelt gespült hätte, können wir uns nun also zunächst auf die Einführung einer fest an den Dollar gekoppelten Währung in den USA einstellen. Welche Wirkung die Diem-Welle in den USA entfaltet, wird sich zumindest nach Facebooks Zeitplan noch 2021 zeigen. 

Keine Entwarnung, aber Zeit zur Vorbereitung

Europa kann also zunächst durchschnaufen. Die kurzfristige Gefahr ist gebannt. Den zumindest temporären Rückzug von Facebooks Währungsprojekt nehmen wir zum Anlass, die über 83.000 Unterschriften unserer Unterstützer zu überstellen. Die Unterschriften gehen als Mahnung an die EU-Kommissionspräsidentin, Ursula von der Leyen, und die Präsidentin der Europäischen Zentralbank, Christine Lagarde, wachsam zu bleiben und Facebooks Pläne für ein globales Zahlungssystem weiterhin kritisch zu begleiten. Wir alle sollten auf die nächste Welle vorbereitet sein. 

Wir bedanken uns herzlich bei den zahlreichen Unterstützerinnen, die als Teil der kritischen Zivilgesellschaft einen Beitrag zum Rückzug der Facebook-Währung geleistet haben.