Interview mit Finanzwende-Fellow Hartmut Walz

Prof. Dr. Hartmut Walz

Prof. Dr. Hartmut Walz ist Verhaltensökonom und lehrt an der Hochschule Ludwigshafen a. Rh. zu den Themen Finanzkompetenz, Finanzdienstleistung für Privatanleger und Anlagepsychologie. Er ist Autor verschiedener Fachbücher in den Bereichen Geldanlage, Versicherungen und Vorsorge. Außerdem betreibt er den unabhängigen und werbefreien Hartmut Walz Finanzblog. Mit seinem Fachwissen unterstützt Hartmut Walz Finanzwende seit 2020 als Fellow.

1 | Welcher Themenbereich am Finanzmarkt liegt Ihnen besonders am Herzen? 

Mein Kernthema ist Verbraucherschutz bei Finanzdienstleitungen. Bereits meine Doktorarbeit befasste sich mit diesem Thema. Mein besonderes Interesse für dieses Thema rührt noch aus meiner Banklehre, die ich noch vor meinem BWL- und VWL-Studium absolvierte.

Der von mir begründete Finanzblog trägt bis heute den Slogan „Sei kein LEO“. Dieser Begriff steht in der Finanzbranche für „leicht erreichbares Opfer“. Als LEOs werden durchschnittliche Bürgerinnen bzw. Kunden bezeichnet, denen man gut unvorteilhafte Finanzprodukte verkaufen kann. Als ich in den ersten Wochen meiner Bankausbildung zum ersten Mal mit dem Begriff des LEO in Berührung kam, war mir klar: Ich will mein Leben nicht in der Finanzdienstleistungsbranche verbringen. Nach dem Abschluss meiner Banklehre habe ich keinen einzigen Tag mehr in einer Bank gearbeitet und lehre inzwischen seit 25 Jahren als Professor.

2 | Was ist Ihr Spezialgebiet? 

Als Verhaltensökonom bewege ich mich im Spannungsfeld zwischen Ökonomie und Psychologie. Dabei interessiert mich besonders die ausgefeilte Verkaufsrhetorik, die in der Finanzbranche angewandt wird. Ich habe festgestellt, dass Kundinnen in Vermittlungsgesprächen ganz gezielt Angst- oder Gier-Triggern ausgesetzt werden, um sie letztendlich aus dieser niederen Motivation heraus zum Vertragsabschluss zu bringen.

Am Ende werden dadurch immer wieder Produkte verkauft, die dem Endkunden keinen wirklichen Nutzen bringen. Ich habe zum Beispiel zahlreiche Lebensversicherungsprodukte geprüft. Dabei bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass es kaum Produkte gibt, die real Wert schaffen, wenn man die Inflationsrate mit einberechnet. Dies trägt dazu bei, dass ein guter Teil der Altersarmut in Deutschland hausgemacht ist. Schuld sind überteuerte, unflexible und wenig rentable Produkte, was letztlich auf den Einfluss der Finanzdienstleistungs-Lobby zurückgeht – da ist einfach Vieles im Argen.

Ein Beispiel dafür ist die Riester-Rente: Die durchschnittliche Schwedin bekommt für den gleichen eingezahlten Betrag durchschnittlich ein Vielfaches an Rente als ein Riester-Sparer. Und warum das so ist, zeigt ja auch die Studie der Bürgerbewegung Finanzwende, bei der für Riester-Verträge eine Kostenspanne bis zu 38 Prozent ermittelt wurde. Das zeigt einfach, dass etwas mit dem System nicht stimmt.

3 | Warum engagieren Sie sich mit diesem Expertenwissen bei Finanzwende?

Meine Kernthemen und die der Finanzwende liegen so nah aneinander, dass es ganz natürlich zu einer Art Schulterschluss kommt. Zusätzlich stehe ich aber auch voll und ganz hinter der Aussage, dass wir ein Gegengewicht zur Finanzlobby brauchen.

Ich habe mich bereits früh als Fellow bei der Bürgerbewegung Finanzwende eingebracht, denn der reine Lobbyismus braucht unbedingt ein bürgerliches Gegengewicht. Als pluralistische Gesellschaft dürfen unterschiedliche Verbände natürlich ihre Interessen vertreten. Aber momentan haben wir hier einfach ein ganz massives Ungleichgewicht, wenn es um die Banken- und Versicherungslobby geht.

Außerdem gefällt es mir, dass die Bürgerbewegung Finanzwende überparteilich agiert und das gesamte politische Spektrum abbildet.

4 | Zum Schluss noch ein kurzer Blick in die Zukunft: Wie sieht der Finanzmarkt nach einer erfolgreichen Finanzwende aus?

Generell bin ich nicht der Meinung, dass es den einen stabilen Endzustand gibt – in keinem Lebensbereich, wenn Sie so wollen. Die Dinge sollten sich immer in einem gesunden Rahmen weiterentwickeln können. Aber ich kann Ihnen durchaus sagen, was sich aus meiner Sicht momentan an den Finanzmärkten ändern muss. Zunächst muss unbedingt etwas gegen das bereits beschriebene Ungleichgewicht zugunsten der Finanzlobby getan werden.

Außerdem mangelt es an den Finanzmärkten ganz allgemein an Transparenz. Dazu zählt zum Beispiel auch, dass Finanzprodukte viel komplexer sind, als es eigentlich notwendig wäre. Diese Komplexität muss reduziert werden, denn letztendlich nützt sie nur demjenigen, der sie beherrscht. Auf der anderen Seite schwächt sie diejenigen, die sie nicht verstehen können – und das sind in der Regel die Bürgerinnen und Bürger. Wir müssen Finanzprodukte und Informationsgrundlagen schaffen, die jede Person unabhängig vom Bildungshintergrund versteht und denen man trauen kann. Aber davon sind wir momentan sehr weit entfernt.

Die Kosten für Finanzprodukte müssen ebenfalls besser erkennbar und in vielen Fällen auch deutlich gesenkt werden. In dieser Hinsicht denke ich, dass John Bogle mit der Einführung des ersten ETF viel mehr für den durchschnittlichen Verbraucher getan hat als Riester und Rürup zusammen.

Außerdem darf es keinen Platz für Organisierte Finanzkriminalität geben. In diesem Bereich sind Reformen absolut überfällig und das zeigen nicht zuletzt die Veröffentlichungen der Paradise, Panama und Pandora Papers. Durch die Bürgerbewegung Finanzwende und ihren Vorstand Gerhard Schick habe ich noch sehr viel über Organisierte Kriminalität im Bankenbereich dazu gelernt und so sind Themen wie CumEx, CumCum und Geldwäsche inzwischen ein fester Bestandteil meiner Vorlesungen.