Interview mit Finanzwende-Fellow Michael Findeisen

Michael Findeisen

Michael Findeisen war über viele Jahre als Referatsleiter im Bereich Geldwäsche und Zahlungsverkehr im Bundesministerium der Finanzen (BMF) tätig. Vor 2000 war er in der Bankenaufsicht (BAKred, jetzt BaFin) ebenfalls als Referatsleiter für Grundsatzfragen der Geldwäschebekämpfung zuständig. Er ist ein Experte auf den Gebieten Finanzkriminalität bzw. Organisierte Kriminalität und Finanzmarktregulierung. Mit seinem Fachwissen unterstützt Michael Findeisen Finanzwende seit 2020 als Fellow.

1 | Welcher Themenbereich am Finanzmarkt liegt Ihnen besonders am Herzen?

Ich interessiere mich insbesondere für die Themen Finanzmarktregulierung, Organisierte Kriminalität bzw. Finanzkriminalität, Geldwäschebekämpfung und Zahlungsverkehr. Mit diesen Themen habe ich mich auch schwerpunktmäßig als Referatsleiter im Finanzministerium beschäftigt.

Als es in den 1990ern so richtig mit der Geldwäschebekämpfung losging, konnte ich das Thema in der BAKred und später im Ministerium schnell intensiv bearbeiten. Das war für mich ein absoluter Glücksfall, denn das Thema war generell nicht im aufsichtspolitischen Fokus der Leitung und umso freier war ich in der Schwerpunktsetzung.

Die Themen, die mich interessieren, werden aber auch aus schierer Unwissenheit über deren Risiken für die Finanzmärkte links liegen gelassen. Ich muss heute immer noch darüber schmunzeln, wenn jemand ständig über Kleinkriminalität spricht, während es bei der Finanzkriminalität um viel größere Schäden für Wirtschaft und Gesellschaft im Millionen- und Milliardenbereich geht. Der Fall Wirecard ist das beste Beispiel. Dazu kommt, dass die Betroffenen häufig wir alle als Steuerzahlende sind, wie im Fall von CumEx. Genau deshalb ist die Bekämpfung von Finanzkriminalität so wichtig.  

2 | Was ist Ihr Spezialgebiet? 

Die Bekämpfung der Organisierten Kriminalität war für mich nicht nur beruflich wichtig, sie liegt mir auch persönlich sehr am Herzen. Das rührt vor allem daher, dass diese Kriminalität Auswirkungen auf ökonomische und soziale Lebensrealitäten hat. Dabei habe ich auch immer wieder die Nähe zu Menschenrechtsorganisationen und -gruppierungen gesucht, um diese Auswirkungen nachvollziehen und einbringen zu können.

So habe ich mich in meiner Zeit im Finanzministerium im Bereich Zahlungsverkehr zum Beispiel für das Basiskonto für alle eingesetzt, also den freien Zugang zu einem Zahlungskonto. Davon war ich absolut überzeugt und das habe ich sehr gern umgesetzt. Gerade das Basiskonto in seiner heutigen Form zeigt dann aber auch wieder, wie wichtig es ist, Druck auf die Finanzaufsicht BaFin auszuüben – zum Beispiel durch die Bürgerbewegung Finanzwende.

3 | Warum engagieren Sie sich mit diesem Expertenwissen bei Finanzwende?

Aus meiner Sicht füllt die Bürgerbewegung Finanzwende ein Vakuum: Zuvor hat sich niemand im zivilgesellschaftlichen Bereich schwerpunktmäßig Finanzmarkt-Themen angenommen. Das gilt auch für den politischen Betrieb: Finanzmarkt-Themen sind einfach unbeliebt und haben deshalb auch stets eine geringere Priorität.

Es gibt immer nur wenige Politiker im Deutschen Bundestag, die sich solch komplexer Themen wie Finanzkriminalität, Geldwäsche und Regulierung annehmen, sich darauf spezialisieren und wirklich durchblicken. Generell gibt es hier immer kaum kritische Ansprechpartnerinnen in der Politik und deshalb ist die außerparlamentarische Opposition in diesem Bereich einfach besonders wichtig. Betrachtet man die Pläne der kommenden Ampel-Regierung, wird deutlich: Nie war die Finanzwende so wertvoll wie heute. Ich unterstütze dabei gerne mit meinem Fachwissen und auch mit dem einen oder anderen Kontakt.

4 | Zum Schluss noch ein kurzer Blick in die Zukunft: Wie sieht der Finanzmarkt nach einer erfolgreichen Finanzwende aus?

Der Finanzmarkt, wie ich ihn mir vorstelle, sieht ganz anders aus. Um den Rahmen nicht zu sprengen, will ich deshalb nur ein paar Beispiele nennen. Zunächst müssen wir unbedingt mehr aus den vergangenen Finanzkrisen lernen – und zwar aus allen und nicht nur aus der von 2009/2010.  

Der Finanzmarkt muss meiner Ansicht nach gesundgeschrumpft werden. Vieles von dem, was es momentan am Markt gibt, dient ausschließlich der Spekulation. Viele der modernen Finanzprodukte sind für unsere Bedürfnisse als Bürger unnötig. Gerade dann, wenn sie furchtbar verschachtelt sind und nur als Steuersparmodell funktionieren oder Ähnliches. Das hat gar nichts mehr mit der Kredit- bzw. Kapitalversorgung von Wirtschaft und Konsumentinnen zu tun. Ein Beispiel dafür ist die kanadische Maple-Bank, die eine deutsche Tochterbank einzig und allein dafür am Leben erhielt, um CumEx-Geschäfte abzuwickeln. Diese Bank ist inzwischen pleite und hat bei der Einlagensicherung der Privatbanken ein Milliardenloch hinterlassen. So etwas sollte es meiner Meinung nach nicht mehr geben.

Anstelle der Überzahl von spekulierenden Banken sehe ich teils eher staatliche Institutionen für wirtschaftliche Entwicklung, wie zum Beispiel die KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau). Mir ist aber bewusst, dass auch staatliche Institute wie die Landesbanken in der Vergangenheit spekulative Fehlentscheidungen getroffen haben. Deshalb muss hier unbedingt richtig reguliert und kontrolliert werden. Dafür muss bei den entsprechenden staatlichen Instanzen oder Aufsichtsräten aber erst mal das richtige Personal geschaffen werden. Da sehe ich die Achillesferse des Ganzen: Denn ein solches Personal fehlt bisher oft. Das liegt mit Sicherheit auch daran, dass der Finanzmarkt und seine Produkte einfach hochkomplex sind. Aber Personen, die hier wirklich etwas von der Materie verstehen, haben das Potential, viel Transparenz zu schaffen.

Zudem müssen unregulierte Schattenbanken wie Blackrock, die immer mächtiger werden, unbedingt stärker beaufsichtigt werden. Generell sollte es für die Beaufsichtigung von Zahlungsinstituten ganz andere Regeln geben als bei Banken. Denn ganz unabhängig davon, ob sie nun kriminell agieren wie im Fall Wirecard, sind Zahlungsdienstleister einfach keine Banken und ihre Geschäfte und Risiken sind ganz anders strukturiert.

Das sind meiner Ansicht nach auf jeden Fall die großen Weichenstellungen, die auf dem Finanzmarkt stattfinden müssen und was die Finanzmarktregulierung angeht, ist da auch noch viel Luft nach oben. Mir schweben noch sehr viele spannende Ideen und Themen im Kopf herum, die ich mit Finanzwende anstoßen möchte. Es gibt noch viel zu tun!