Geld gestaltet die Welt

Zeit für Finanzwirtschaft und Politik endlich konsequent zu agieren.

18.11.2019

Wir reden in unserer Gesellschaft aktuell erfreulicherweise viel über unsere Mobilität oder Plastikmüll. Doch der Einfluss der Finanzwirtschaft auf unser Leben und die Umwelt gerät dabei oft in den Hintergrund. Allerdings sind das Geld und damit Investitionen, entscheidende Stellschrauben für eine nachhaltige Zukunft. Gerade vor dem Hintergrund, dass heutige Investitionen noch Jahrzehnte nachwirken, gilt für breite Teile unseres Lebens der Satz: Geld gestaltet die Welt. Deswegen muss auch die Finanzwirtschaft endlich ihren Beitrag leisten.

Geld gestaltet die Welt. Deswegen muss auch die Finanzwirtschaft endlich ihren Beitrag leisten.

Zum Teil scheint das in der Politik angekommen zu sein. So wird mit dem EU-Aktionsplan für eine nachhaltigere Finanzwirtschaft ein Maßnahmenbündel angestoßen. Und nach Jahren des Zögerns und Zauderns hat die Bundesregierung immerhin einen Beirat für Sustainable Finance eingerichtet. Bringen wird das jedoch nur etwas, wenn daraus rasch Maßnahmen hervorgehen, die wirklich einen Unterschied machen. Zwei konkrete Ansätze:

Zum einen muss der Schritt von unverbindlichen hin zu verbindlichen Vorgaben gemacht werden. Investoren können nur nach ökologischen Kriterien entscheiden, wenn es vergleichbare und aussagekräftige Indikatoren gibt. Freiwillige Initiativen haben national wie international eine verwirrende Vielfalt von Informationen gebracht, von denen weder jeder einzelne Standard noch alle zusammen eine umfassende Datengrundlage für Finanzinvestoren bieten. Allein klare gesetzliche Veröffentlichungspflichten erfassen den Gesamtmarkt und führen zu vergleichbaren Informationen.

Zum zweiten muss der öffentliche Sektor vom Nachzügler zum Vorreiter werden: Weder legt der Bund bisher Gelder durchweg nachhaltig an, noch tun es alle Bundesländer. Die Sparkassen hinken beim Thema Nachhaltigkeit trotz Gemeinwohl-Auftrag peinlich hinterher – beim Angebot nachhaltiger Anlageprodukte ebenso wie bei der Berücksichtigung ökologischer Risiken in der Kreditvergabe. Mit einer konsequenten Nachhaltigkeitsstrategie kann und muss der öffentliche Finanzsektor die Transformation hin zu einer klimafreundlichen Wirtschaftsweise massiv beschleunigen.

Dass eine nachhaltigere Investitionsausrichtung der Rendite nicht schadet, sondern eher das Gegenteil der Fall ist, haben diverse Studien längst belegt. Und solange wir auf den massiven Ausbruch der Klimakrise fast ungebremst zusteuern, nimmt das Risiko von fehlinvestierten Geldern deutlich zu. Wer zu lange an klimaschädlichen Projekten festhält, wird Geld verlieren, weil irgendwann konsequente Klimapolitik diese Investitionen wertlos machen muss.

Einen Fehler sollte man allerdings bei aller Begeisterung für Sustainable Finance nicht machen, nämlich zu meinen, dass damit andere Veränderungen am Finanzmarkt weniger wichtig würden. Denn eine reine Begrünung der Märkte überwindet nicht die Dysfunktionalität des Sektors. Die Einbeziehung von ökologischen Risiken in die Risikosteuerung gibt nur dann einen Sinn, wenn letztere auch funktioniert. Und gerade dann, wenn provisionsgetrieben schnelle Vertragsabschluss forciert werden, statt langfristig gute Lösungen für den Kunden zu suchen, werden gerne Modethemen wie Nachhaltigkeit gewählt, um Anleger in unseriöse Angebote zu drängen. Das muss unbedingt verhindert werden.

Deshalb darf die Begrünung der Finanzwirtschaft keine Ausrede sein, die Brot-und-Butter-Themen am Finanzmarkt nicht anzugehen, sondern zwingt zu einer umfassenderen Finanzwende: Nur stabile, verbraucherfreundliche Finanzmärkte können einen Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung leisten. Mit den Finanzmärkten von heute besteht die Gefahr, dass wir bei Pseudo-Nachhaltigkeit landen, die weder ökonomisch noch ökologisch erfolgreich ist. Doch damit ist dann niemandem geholfen.

Die Kommentar erschien zuerst am 20.08.19 im Tagesspiegel Background.