Interview mit Finanzwende-Fellow Rainer Voss

Rainer Voss

Rainer Voss war über zwei Jahrzehnte als Investmentbanker tätig. Seine Schwerpunkte lagen in der institutionellen Platzierung sowie dem Handel von festverzinslichen Wertpapieren. 2007 legte er seinen Job nieder und klärt seitdem über das Finanzsystem auf, unter anderem als Kolumnist und als Protagonist des Dokumentarfilms „Master of the Universe“. Rainer Voss gehörte 2018 zu den Gründungsmitgliedern der Bürgerbewegung Finanzwende und unterstützt diese seit 2020 offiziell als Fellow.

1 | Welcher Themenbereich am Finanzmarkt liegt Ihnen besonders am Herzen?

In der Auseinandersetzung mit dem Finanzmarkt interessiere ich mich generell für das Thema Ethik und insbesondere für die Verbindung zwischen Finanzmarkt und sozialen Fragen. Mein Augenmerk liegt dabei auf der Schnittstelle zwischen Markt und Mensch. In der Regel werden die Probleme an den Finanzmärkten systemisch betrachtet, aber ich verfolge einen anderen Ansatz.

Ich denke, dass viele der aktuellen Problemstellungen auf der individuellen Ebene entstehen und auch gelöst werden können. Zum Beispiel sollten wir der Persönlichkeitsstruktur von Menschen in Führungspositionen in der Finanzbranche mehr Aufmerksamkeit schenken. Denn diese Menschen entscheiden über sehr wichtige Dinge: Wenn ein Vorstandsvorsitzender aus Selbstüberschätzung eine systemrelevante Bank an die Wand fährt, dann hat das massive Auswirkungen auf zahlreiche Menschen.

Es gibt hier derzeit keinerlei Kontrolle, wem man diese Macht gibt und ob diese Person (noch) in der Lage ist, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Bei anderen Berufsgruppen ist eine solche Kontrolle hingegen völlig normal. So müssen Pilotinnen beispielsweise regelmäßig psychologische Tests absolvieren, um die Verantwortung für das Leben von hunderten von Airbus-Passagieren übernehmen zu dürfen. Wir sollten uns also genauer anschauen, wer die Entscheidungsträger im Finanzsystem sind und in welcher Art und Weise die Reproduktion dieser Führungsebene vonstattengeht.

In diesem Zusammenhang ist es besonders wichtig, interdisziplinär zu arbeiten und verschiedene Denkansätze zu verfolgen und zusammenzuführen. Letztendlich haben wir es den Juristinnen und Finanzexperten jetzt zwanzig Jahre lang überlassen, uns zu erklären, was im Finanzsystem schiefläuft. Ich würde sagen, der Erfolg war mäßig. Wir sollten nun auch andere Theorien und Sichtweisen einbeziehen, zum Beispiel die von Anthropologinnen, Kulturwissenschaftlern und Psychologinnen.

2 | Was ist Ihr Spezialgebiet? 

Mein Spezialgebiet sind die Kapitalmärkte, denn immerhin habe ich 30 Jahre meines Lebens in den Handelsräumen dieser Welt zugebracht. Ich kenne mich besonders gut mit Staatsanleihen und Zinsderivaten aus.

Heutzutage interessiere ich mich zudem auch sehr für Kryptowährungen, allerdings eher unter einem sozialen Aspekt als aus der Anlegerperspektive. So ist der Bitcoin für mich keine Währung und auch kein Vermögenswert, sondern das größte sozio-anarchische Experiment des Jahrhunderts. Ursprünglich war er ja auch so gedacht und das Experiment Bitcoin zeigt eindeutig: Unser Geldsystem funktioniert nicht wirklich.

3 | Warum engagieren Sie sich mit diesem Expertenwissen bei Finanzwende?

Generell engagiere ich mich bei der Bürgerbewegung Finanzwende, da ich die Vorhaben für sehr sinnvoll halte. Außerdem denke ich, dass ich mit dem Wissen, dass ich über Jahrzehnte in der Praxis gewonnen habe, viele wichtige Aspekte und zusätzliche Informationen einbringen kann. Denn es braucht genau diese detaillierten Kenntnisse darüber, wie etwas funktioniert und wie Abläufe und Strategien gestaltet sind, um eine tiefe und umfassende Analyse der Kapitalmärkte zu ermöglichen. Erst wenn das „wie“ ergründet und erklärt ist, kann man nach dem „warum“ fragen.

Die Weltwirtschaft und das globale Finanzsystem haben sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert und deshalb ist es wichtiger denn je, den Dialog zwischen Theorie und Praxis zu forcieren. Finanzmarktliteratur allein reicht heute nicht mehr aus, um das Gesamtbild zu verstehen. Um die (Dys)Funktionalität der Abläufe am Finanzmarkt zu analysieren, brauchen wir ein umfassendes Bild aller Funktionsweisen und Akteurinnen. Damit diese Aspekte eingebracht und mitgedacht werden, engagiere ich mich bei der Bürgerbewegung Finanzwende.  

4 | Zum Schluss noch ein kurzer Blick in die Zukunft: Wie sieht der Finanzmarkt nach einer erfolgreichen Finanzwende aus?

Nach einer erfolgreichen Finanzwende folgt der Finanzmarkt in meiner Vorstellung dem Prinzip der Allmende. Das heißt, er ist genossenschaftlich organisiert und vernetzt. Durch die Tatsache, dass Inhaberin und Kundin die gleiche Person sind, tritt automatisch eine Stabilisierung ein. Denn alles, was dem Kunden schadet, schadet nun auch gleichzeitig den Besitzer. So kommt es zu einer Demokratisierung der Finanzmärkte.

Parallel dazu wurde die Möglichkeit des Finanzmarkts, auf demokratische Prozesse einzuwirken, stark beschnitten, sprich: Der Finanzlobbyismus wurde stark eingeschränkt.

Wir haben es im Finanzbereich mit sehr komplexen Systemen zu tun und man muss an verschiedenen Stellen ansetzen, um Probleme zu lösen. Eine dieser Stellschrauben ist die wirtschaftliche Bildung und genau hier beobachte ich eine Art Zeitenwende in der Ökonomie. Es tut sich momentan sehr viel und vor allem junge Menschen setzen sich mit diesen Themen auseinander.

Dabei wird gerade das Feld der politischen Ökonomie sehr viel intensiver betrachtet und das ist meiner Meinung nach auch enorm wichtig: Das Gesamtbild muss in den Fokus gerückt werden. Man kann die Wirtschaft nicht ohne Machtinteressen und Stakeholder denken und dazu zählen die Bürgerinnen, die Finanzindustrie, aber auch die generelle Wirtschaft und die Politik. Am Ende macht es einfach keinen Sinn, nur die Bilanz einer einzelnen Bank zu analysieren und damit alles erklären zu wollen. Wir brauchen eine integrative und gesamtheitliche Betrachtung des Finanzmarkts. Aber zum Glück wird genau das langsam salonfähig.

Noch mehr über Rainer Voss erfahren Sie in diesem Interview mit Phoenix.