Dispozins runter!

Zehn Prozent sind zu viel.

Ein herabzeigender Pfeil auf ein Prozentzeichen. Dazu der Kampagnenslogan "Dispozins runter!"
  • Untersuchung von über 3.400 Kontenmodellen bei 1.240 Banken zeigt, dass Banken und Sparkassen im Durchschnitt fast zehn Prozent für einen Dispokredit verlangen.
  • Hohe Dispozinsen können in der Corona-Krise unverschuldet zu einer finanziellen Überlastung von Menschen beitragen und in die Überschuldung führen.
  • Dispozinsen von zehn Prozent und mehr sind nicht zu rechtfertigen. Finanzwende fordert Banken und Sparkassen auf, diese Praxis einzustellen.

Trotz eines historisch niedrigen Zinsniveaus verlangen Banken und Sparkassen in Deutschland immer noch Dispozinsen von durchschnittlich fast zehn Prozent. Dies hat eine Untersuchung von über 3.400 privaten Girokontenmodellen bei 1.240 Kreditinstituten für Finanzwende ergeben. Die Spanne der erhobenen Dispozinsen reichte dabei von 0 bis 13,75 Prozent. Mehr als die Hälfte der von untersuchten Banken bietet mindestens ein Konto an, bei dem zweistellige Zinssätze verlangt werden, ergab eine Auswertung der FMH-Finanzberatung. Damit ist der Durchschnittszinssatz im Vergleich zur ersten von uns beauftragten Studie vom April 2020 leider nur minimal zurückgegangen.

Die wichtigsten Fragen und Antworten

Ein Dispositionskredit – kurz: Dispokredit - ist eine von der Bank eingeräumte Überziehung des Girokontos. Die Höhe eines Dispokredits richtet sich nach der Kreditwürdigkeit des Kunden und dem monatlichen Geldeingang auf dem Konto. Der Dispokredit ermöglicht es Verbraucherinnen, den Kredit jederzeit innerhalb des verabredeten Kreditrahmens in Anspruch zu nehmen. Auszahlung und Rückzahlung erfolgen flexibel; es wird keine regelmäßige Tilgungsrate erwartet. Banken können den Kreditrahmen kürzen oder kündigen.

Der Dispozins ist der Zinssatz, der auf einen Dispokredit anfällt – also das, was der Kunde für das Ausleihen des Geldes zahlen muss. In der Regel ist dieser Zins für alle Kunden mit demselben Kontomodell einheitlich.

Die FMH-Finanzberatung hat Anfang Oktober für Finanzwende 3.409 Kontomodelle von 1.240 Banken und Sparkassen untersucht. Die Untersuchung deckt damit den weitaus größten Teil der deutschen Bankenlandschaft ab. Der durchschnittliche Dispozinssatz der Konten beträgt laut der Entgeltinformationen der Institute 9,94 Prozent. Damit sind die Zinssätze nur bei wenigen Banken und Sparkassen seit der letzten Untersuchung vom April 2020 zurückgegangen. Der Durchschnitt betrug damals 9,96 Prozent. Bei den verschiedenen Institutsarten – also Genossenschaftsbanken, öffentlich-rechtliche Banken und Privatbanken - gibt es davon nur geringe Abweichungen. Aber zwischen einzelnen Banken und Sparkassen reicht die Spanne des Zinssatzes von 0 Prozent bis 13,75 Prozent. Fast bei der Hälfte aller untersuchten Kontomodelle ist der Zinssatz zweistellig. Erfreulicherweise haben immerhin zwei Institute die Zinssätze gesenkt, bei denen Finanzwende Druck gemacht hat. Es gibt aber auch Banken und Sparkassen die trotz Corona die Dispozinsen erhöht haben.

Finanzwende fordert von Banken und Sparkassen während der Corona-Krise einen Dispozinssatz unterhalb von zehn Prozent zu verlangen.

Wir halten Zinsforderungen von zehn Prozent und mehr für überhöht. Natürlich fallen bei den Banken Kosten an, zum Beispiel unter Umständen für die Refinanzierung, das Eigenkapital, Kreditausfälle und den laufenden Betrieb. Diese Faktoren können von Bank zu Bank unterschiedliche Kosten verursachen. So können beispielsweise unterschiedliche Kundengruppen zu verschiedenen Kreditausfallraten führen. Und natürlich wollen die Institute zusätzlich einen Gewinn erzielen. Die Forderung, den Dispozinssatz jeder Bank mit anderen gängigen Zinssätzen – etwa dem fürs Tagesgeld (oft bei null Prozent) oder dem, zu dem sich Banken untereinander Geld leihen (aktuell in der Regel im negativen Bereich) - gleichzusetzen, wäre daher pauschal und falsch. Dennoch ist eine 10-Prozent-Differenz zwischen diesen Vergleichsgrößen und dem Dispozins aktuell nicht zu rechtfertigen.

So sprach die Bundesregierung bereits im Januar 2019 von übertrieben hohen Dispozinsen, die nicht selten zu Überschuldung führen.[1] Außerdem gibt es bundesweit viele Banken, die schon seit Jahren weniger als zehn Prozent Dispozins verlangen. Einige Institute wie die Frankfurter Sparkasse haben fair auf die Krise reagiert und den Zins von sich aus zumindest für Bestandskunden gesenkt. Leider hat sich dieses Vorgehen jedoch zwischenzeitlich bei den meisten Instituten schon wieder als Marketinggag erwiesen.[2]

[1] https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/konto-minus-vermeiden-846534

[2] https://www.faz.net/aktuell/finanzen/meine-finanzen/geld-ausgeben/hohe-dispozinsen-das-ende-der-krisenzinsen-16898822.html

Die Corona-Krise verschärft durch Kurzarbeit und Jobverlust die finanzielle Lage vieler Personen, immer mehr Menschen werden dadurch wohl auf ihren Dispokredit angewiesen sein. Wie viele Unternehmen werden auch Haushalte aktuell kurzfristig Geld brauchen, da es beispielsweise Einnahmeausfälle gibt. Millionen Menschen sind immer noch in Kurzarbeit, im September 2020 lag die Arbeitslosenzahl um mehr als 600.000 Menschen über den Daten aus 2019[1] – ein völlig unverschuldeter Vorgang. Das macht es sehr wahrscheinlich, dass viele Bankkundinnen in den kommenden Wochen verstärkt auf den Dispokredit zurückgreifen müssen. Schließlich wird dieser Kredit häufig genutzt, um temporäre Geldprobleme sowie ungeplante Engpässe und Krisen zu überbrücken.

[1] www.arbeitsagentur.de/news/arbeitsmarkt-2020

 

Banken sollten sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst sein – auch beim Thema Dispozinsen. Sie sollten die kritische Corona-Lage vieler nicht nutzen, um Menschen durch überhöhte Zinsforderungen finanziell zu belasten und damit einen unnötig hohen Schuldenberg zu befördern.

Einzelne Banker wie der Chef der Deutschen Bank, Christian Sewing, haben betont, dass die Banken diese Krise nicht verursacht hätten. Sie könnten diesmal „Teil der Lösung“ sein. Jetzt können die Banken zeigen, dass dies tatsächlich der Fall ist – zumal sie von den staatlichen Unterstützungsmaßnahmen profitieren. Das gilt etwa bei gelockerten Kapitalvorschriften für die Banken. Schon deshalb sollten Banken und Sparkassen ihrer Kundschaft bei den Dispozinsen entgegenkommen und ihren Teil zur Lösung beitragen.

Zehn Prozent und mehr sind aus Sicht von Finanzwende einfach zu viel. Deshalb forderten wir die teuersten Banken und die wichtigsten Bankenverbände in offenen Briefen dazu auf, eine Empfehlung an ihre Mitgliedsunternehmen abzugeben, Instituts-weit keine Dispozinsen von zehn Prozent und mehr zu verlangen beziehungsweise die Zinssätze zu senken. Da die Antworten überwiegend enttäuschend ausfielen, bleiben wir an dem Thema weiter dran.

Nein, der Dispozinssatz ist keineswegs das einzige Kriterium bei der Auswahl eines Girokontos. Konten unterscheiden sich beispielsweise auch bei den Grundgebühren für die Kontoführung. Ein weiteres wichtiges Kriterium ist der Service, den die kontoführende Bank bietet. Für Menschen, die einen festen Arbeitsplatz und ein auskömmliches Einkommen haben, ist der Dispozinssatz sogar ein eher zu vernachlässigendes Kriterium.

Der Dispokredit ist einer der am weitest verbreiteten Kreditarten in Deutschland. Laut einer repräsentativen Forsa-Umfrage vom November 2019 gingen über zehn Millionen Menschen davon aus, dass sie in der Weihnachtszeit auf den Dispokredit zurückgreifen müssen.[1] Laut einer weiteren repräsentativen Umfrage vom September 2020 nutzten zu diesem Zeitpunkt 15 Prozent der Deutschen ihren Dispokredit.[2]

Wir sehen angesichts der Corona-Krise die akute Gefahr, dass die Lage von Menschen, die bereits zuvor wenig Geld hatten, ausgenutzt wird. Ihnen fällt es aufgrund der hohen Dispozinsen besonders schwer, Schulden abzutragen. Natürlich sorgen hohe Dispozinsen nicht für Unsummen an zusätzlicher Belastung, da der Kreditrahmen in der Regel nur wenige Tausend Euro umfasst. Aber sie können für Menschen mit wenig Geld eine entscheidende Mehrbelastung sein.

Der Wettbewerb wird dieses Problem kaum lösen, weil der Dispozinssatz selten das entscheidende Auswahlkriterium für Kunden ist. Schon deshalb können viele Banken einen aus unserer Sicht zu hohen Zinssatz verlangen, zumal der Wunsch nach einer regional verankerten Bank den Wettbewerb mitunter noch weiter einschränkt. Natürlich sind Banken grundsätzlich frei in ihrer Preisgestaltung. Doch an dieser Stelle wird in einer unverschuldeten Krisensituation von zahlreichen Banken einfach zu viel verlangt. Auch der Wechsel zu einer anderen Bank ist bei einer bestehenden Überziehung des Kontos schwer möglich, da der Dispokredit bei der bisherigen Bank abzulösen ist. Finanzwende wird also auch aktiv, weil der Wettbewerb hier kein ausreichendes Korrektiv ist.

[1] https://www.morgenpost.de/wirtschaft/article227835319/Weihnachten-10-4-Millionen-Deutsche-verschulden-sich.html

[2] https://www.faz.net/aktuell/finanzen/fast-10-prozent-zinsen-fuer-einen-dispo-kredit-16966023.html

Die Banken können die Höhe des Dispozinssatzes individuell festlegen, was sich in den enormen Unterschieden widerspiegelt. Nur das Wucherverbot setzt eine gewisse Obergrenze, die jedoch sehr hoch ausfällt. Darüber hinaus sind gewisse Beratungspflichten für die Bank festgelegt, wenn jemand den Dispokredit über längere Zeit und zu einem gewissen Anteil in Anspruch nimmt. Zudem müssen die Institute auf ihrer Homepage gut sichtbar über die Höhe des Zinssatzes informieren.

Für die meisten Menschen gibt es bei einer länger andauernden Verschuldung eine sinnvolle Alternative zum Dispokredit. Wer voraussichtlich längere Zeit im Minus bleiben wird, sollte also nach Auswegen suchen. Eine mögliche Alternative ist ein Ratenkredit, wobei auch hier die Konditionen zwischen den einzelnen Banken genau zu vergleichen sind. Unsere Studie zu Ratenkrediten hat gezeigt: Teilweise werden auch bei dieser Kreditart enorm hohe Zinssätze verlangt. Ein Ratenkredit ist aber häufig günstiger als der Dispokredit.