Problematische Prüfer

Die Rolle von Ernst & Young im Wirecard Skandal und die problematische Dominanz der Wirtschaftsprüfer

06.07.2020
Konrad Duffy

Konrad hat einen Master in Korruption und Governance gemacht. Nach Stationen bei der Europäischen Kommission und der GIZ arbeitete er zuletzt für 2 Jahre in der Abteilung für Geldwäschebekämpfung bei der Deutschen Bank. Seit Februar 2020 ist er für das Thema Finanzkriminalität bei Finanzwende tätig.

Einem Wirtschaftsprüfer werden Zettel hingehalten. Auf einem steht "Wirecard". Nebendran ist ein Hochhaus mit den Namen der Big Four.

 

Am Schluss war es dann doch der Wirtschaftsprüfer Ernst & Young (EY), der das Kartenhaus des mittlerweile insolventen DAX-Konzerns Wirecard zum Einsturz brachte. Für Bankguthaben auf Treuhandkonten in Höhe von 1,9 Milliarden Euro seien keine ausreichenden Prüfungsnachweise vorgelegt worden, so die Prüfer. Für das Jahr 2019 verweigerten sie dann folgerichtig auch ihr Testat, eine Art Gütesiegel für die Unternehmensbilanz.

Also alles richtiggemacht? Mitnichten!

Die Rolle von EY im Wirecard Skandal

Wer die ganze Wahrheit wissen will, muss seinen Blick schon etwas weiten: Denn EY prüfte seit vielen Jahren die Bilanzen des Wirecard-Konzerns. Das bedeutet nach dem heutigen Stand der Dinge: Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Wirtschaftsprüfungsriese EY seinem Kunden Wirecard für das Jahr 2018 Gelder testierte, die vermutlich gar nicht existierten.

Dabei ist es die Rolle der Wirtschaftsprüfer, genau so etwas zu vermeiden. Die Institution wurde installiert, als man in der Weltwirtschaftskrise 1929 immer wieder Bilanztricks, betrügerische Insolvenzen und vertuschte Risiken entdeckte.[1] Seither sollen sie prüfen, ob ein Konzernabschluss den Vorschriften entspricht – und auch Risiken des Geschäfts korrekt dargestellt werden.[2] Mit ihrem Testat bestätigen die Prüfer abschließend, dass der Jahresbericht die wirtschaftliche Lage eines Unternehmens zutreffend widerspiegelt.

In der Theorie kommt Wirtschaftsprüfern also eine sensible Rolle zu. Sie müssen genauestens in die Bücher schauen und erhalten dafür Einblicke in alle Winkel eines Unternehmens. Ein Testat hat Autorität – und bescheinigt Seriosität. Auf ebensolche Testate haben sich Anleger und Geschäftspartner bei Wirecard verlassen. Dennoch regiert jetzt der Insolvenzverwalter - und ein Milliardenbetrag steht im Feuer.[3]

Die Gesellschaft sieht sich in dem Skandal nun selbst als Opfer und spricht von einem „konspirativem Betrug“ [4] mit internationaler Beteiligung. Allerdings – und auch das gehört zur Wahrheit - testierten Abschlussprüfer von EY schon seit 2009 die Wirecard-Bilanzen.

Schon deshalb muss sich EY nun auf sehr unangenehme Fragen einstellen, insbesondere was die Jahre vor 2019 angeht. Laut der Prüfungsnorm 302 müssen Abschlussprüfer den gesamten Prozess fest im Griff haben: Damit wäre es wohl kaum vereinbar, sich auf bloße Angaben von Treuhändern zu verlassen anstatt direkt bei den betroffenen Banken nachzufragen. Genau das könnte Medienberichten zufolge nun aber der Grund sein, wieso Wirecards Kartenhaus jetzt erst zusammenfiel.

Die problematische Dominanz der "Big Four"

Es ist nicht das erst Mal, dass sich Wirtschaftsprüfer kritischen Fragen stellen müssen. So kommen regelmäßig große Bilanzskandale und dubiose Geschäfte ans Licht, bei denen die Wirtschaftsprüfer sich weit von ihrer eigentlichen Rolle entfernt haben.

Insbesondere die großen Vier der Branche – die so genannten Big Four - spielen immer wieder eine Rolle in Finanzskandalen. Der Name steht für die vier größten Wirtschaftsprüfer PricewaterhouseCoopers, KPMG, Deloitte und EY. Sie bilden längst ein Oligopol.

Allein die Marktmacht dieser Vier ist eines der zentralen Probleme. So werden alle 30 DAX-Konzerne von diesen vier Prüfern testiert, wobei Deloitte nur eine Prüfung durchführt. Das ist kein deutsches Phänomen: Auch an der größten elektronischen Börse der USA, dem Nasdaq, sind es 99 von 100 Unternehmen. Kleinere Wirtschaftsprüfer hingegen haben vielfach komplett den Anschluss verloren - und sind schon von ihren Kapazitäten her kaum mehr in der Lage, einen internationalen Großkonzern mit all seinen Verflechtungen zu prüfen.

Die Konzentration auf die vier großen Wirtschaftsprüfer hat Folgen für den Finanzmarkt und Anleger. Ihre Marktdominanz kann – etwa bei einem Totalausfall – leicht das gesamte System in Gefahr bringen. Das ist ähnlich wie bei den Ratingagenturen.

Darin liegt eventuell auch ein Grund, warum die Politik zurückhaltend ist und Wirtschaftsprüfer seit Jahren nicht sehr viel strikter reguliert. Ein Beispiel dafür ist beispielsweise die laue Haftungsregelung für Abschlussprüfer. Nach dem Handelsgesetzbuch – genau: §323 HGB - haften Abschlussprüfer bei fahrlässigem Verhalten mit maximal einer Million Euro. Handelt es sich wie bei Wirecard um die Prüfung einer Aktiengesellschaft, erhöht sich die Haftung auf vier Millionen Euro. Solche Beträge werden sehr schnell zur Farce, wenn Anleger und Großinvestoren Milliarden verlieren, weil trotz offensichtlicher großer Mängel in den Bilanzbüchern uneingeschränkte Testate vergeben wurden.

Auch die Haftungsdeckelung spielt in die Hände der Big Four. Für sie sind eine oder auch vier Millionen Euro keine allzu hohe Summe.  Doch für kleinere Prüfungsgesellschaften ist das leicht existenzgefährdend, wenn man dieses Risiko absichern muss.

Obendrein gedeiht unter dem Dach der Big Four in den letzten Jahren auch noch einer der größten Interessenskonflikte, die man sich in einer Marktwirtschaft nur vorstellen kann. Neben ihrer originären und in der Theorie auch sinnvollen Aufgabe, der Wirtschaftsprüfung, gehen die Big Four zunehmend dazu über, ihr Geld mit Beratungsleistungen zu verdienen. Allein bei EY machten die Umsätze aus diesem Geschäft 2018 mehr als das doppelte der Prüfungsumsätze aus.

Es gibt reichlich Beispiele für Interessenskonflikte. Durch die Lux Leaks im Jahr 2014 erfuhr die Öffentlichkeit etwa, dass Wirtschaftsprüfer einerseits hunderte Steuersparmodelle in Luxemburg für Klienten entwickelten und gleichzeitig die EU-Kommission zum Thema Steuergerechtigkeit berieten. Wer – so fragt man sich – soll diese beide Tätigkeiten zur gleichen Zeit kompetent, energisch und offen ausführen?

Welche Reformen jetzt benötigt werden

Man könnte fast denken, es ist hoffnungslos dieses System zu reformieren, doch gute Ideen liegen seit fast 10 Jahren auf dem Tisch. Nach der Finanzkrise 2008, sah der damalige EU-Kommissar für Finanzen Michel Barnier eine Mitschuld bei den Wirtschaftsprüfern. Im Oktober 2010 präsentierte er seine weitreichenden Ideen[5]. Sein damaliger Kabinettschef berichtete im Nachhinein, die Antwort der Big Four auf die Reformvorschläge war die „Mutter des Lobbying“.[6] Die Ideen Barniers wurden unter anderem deswegen nur in extrem verwässerter Form übernommen. Doch sie sind so dringend und aktuell wie damals. Seine Idee:

  • Eine unabhängige Regulierungsbehörde vergibt die Prüfungsaufträge und bestimmt das Honorar.
  • Die Prüfer dazu verpflichten, Ungereimtheiten den Behörden zu melden.
  • Eine Liste mit verbotenen Leistungen für Wirtschaftsprüfer, darunter Steuerberatung, einzuführen, um Interessenkonflikte zu beseitigen.
  • Den Markt für kleinere Prüfungsgesellschaften öffnen, in dem ein Testat immer von zwei unabhängigen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften abgegeben werden muss.
  • Eine Höchstanzahl an Jahren, die ein Prüfer einen Kunden hintereinander prüfen darf (Pflichtrotation).

Den Protokollen der Verhandlungen bezüglich Barniers Ideen ist zu entnehmen, dass vor allem die deutsche Bundesregierung sich bei diesen Punkten querstellte. Prüfer sollen Ungereimtheiten den Behörden melden? Zu bürokratisch. Prüfer dürfen keine Steuerberatung ausführen? Zu weitreichende Regulierung. Das einzige was von Barniers Vorschlag übrig blieb ist eine Pflichtrotation. Kapitalmarktorientierte Unternehmen müssen das Mandat für die Prüfung alle 10 Jahre neu ausschreiben und spätestens nach 20 Jahren den Prüfer wechseln, Banken und Versicherer müssen den Prüfer alle 10 Jahre wechseln. Das hat wenig mit Barniers Vorschlag zu tun.

Im Angesicht der Rolle EYs bei dem Kollaps eines deutschen DAX-Unternehmens ist es allerhöchste Zeit für einen neuen Anlauf, um die Reformvorschläge in Kraft zu setzen. Denn der Wirecard-Skandal ist auch ein Wirtschaftsprüfer-Skandal.


[1] https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-thema/wirtschaftspruefer-steuerberater-2020/fehler-im-system

[2] https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-thema/wirtschaftspruefer-steuerberater-2020/fehler-im-system 

[3] aus dem Handelsblatt: Vielmehr wurden die Gläubigerbanken vom Insolvenzantrag kalt erwischt, jetzt müssen sie sich wohl oder übel mit dem Gedanken anfreunden, dass ein Großteil der 1,75 Milliarden Euro, die sie dem Skandalkonzern geliehen haben, wahrscheinlich weg sind. Zu der Bankengruppe, die Wirecard vor rund zwei Jahren die revolvierende Kreditli-nie gewährten, gehören rund 15 Institute, geführt wird sie von Commerzbank, Landesbank Baden-Württemberg und den beiden niederländischen Groß-banken ABN Amro und ING

[4] https://www.finance-magazin.de/banking-berater/wirtschaftspruefer/wirecard-skandal-ey-wehrt-sich-2060171/ 

[5] https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/finanzmarktregulierung-eu-will-den-markt-der-wirtschaftspruefer-aufbrechen-11053806.html

[6] https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/big-four-warum-europa-es-nicht-geschafft-hat-die-wirtschaftspruefer-zu-baendigen-1.4348841