Den Bock zum Gärtner

EU macht BlackRock zum offiziellen Nachhaltigkeits-Berater

21.04.2020
Lena Blanken

Das Handwerk einer Campaignerin bringt Lena von ihrer Arbeit bei Foodwatch e.V. mit, wo sie Kampagnen zu den Themen Handelspolitik und Agrarspekulation organisierte. Lena ist studierte Volkswirtin und leitet seit August 2019 die Kampagnenarbeit von Finanzwende.

Wie können Kapitalströme in Richtung ökologische und soziale Investitionen gelenkt werden? Mit dieser Frage beschäftigt sich die EU unter anderem in ihrem Sustainable-Finance-Ansatz. Dabei lässt sie sich fortan von einem Unternehmen beraten, das mit Nachhaltigkeit bislang nicht viel am Hut hatte: Von BlackRock, dem weltweit größten Vermögensverwalter.

"Im Grunde genommen gibt es fast nichts auf dem Finanzmarkt, wo BlackRock nicht in irgendeiner Form mit dabei ist.", sagt BlackRock-Expertin Heike Buchter über den größten Finanzverwalter der Welt.[1] Gemeint ist der Einfluss auf Unternehmen und Banken, deren Aktien oder Anleihen BlackRock hält. Allein in Deutschland besitzt BlackRock Anteile an fast allen größeren Börsenunternehmen. Dazu gehören Dax-Konzerne wie E.ON und RWE ebenso wie die Deutsche Bank, Daimler und die Lufthansa.[2]  Gemeint ist aber auch der Lobbyeinfluss des Finanzriesen auf Zentralbanken und politische Entscheidungsträger.

Mit seinem jüngsten Coup hat das New Yorker Unternehmen seine Mitbestimmung auf EU-Entscheidungen jetzt erneut ausgebaut:  BlackRock wird offizieller EU-Berater für Nachhaltigkeitskriterien im Rahmen der Sustainable Finance-Strategie der Europäischen Union. Konkret soll BlackRocks „Financial Markets Advisory“-Einheit der EU-Kommission Antworten auf die Frage liefern, wie die drei zentralen Faktoren zur Messung von Nachhaltigkeit – Umwelt, Soziales und Governance (englisch: ESG-Faktoren) – sowie diesbezügliche Risiken in die Geschäftsstrategien und Anlagepolitik von Banken integriert werden können.[3]

BlackRock als EU-Berater für Sustainable Finance? Dieser Schritt ist aus mehreren Gründen hochproblematisch – und er bedroht das Vorhaben der EU, Finanzströme nachhaltiger zu gestalten. Denn der Vermögensverwalter BlackRock erhält so direkten Zugang zur EU-Gesetzgebung – und kann dabei eigene Interessen durchsetzen. Die Frage, wie künftige EU-Regelungen zu grünen Finanzen ausgestaltet sind, hat massiven Einfluss auf die Unternehmen und Banken, an denen BlackRock beteiligt ist, sowie auf die Fonds, die BlackRock verwaltet. Somit wirkt sich die Sustainable-Finance-Strategie der EU direkt auf das eigene Geschäft von BlackRock aus.

Laut Guardian hielt BlackRock im Oktober Aktien von fossilen Unternehmen im Wert von 87,3 Milliarden US-Dollar. BlackRock ist ein Top-Drei-Investor in allen acht der größten Ölfirmen der Welt![4] Diesen, aber auch zahlreichen anderen Unternehmen an denen BlackRock beteiligt ist, droht ein massiver Schaden, sollten sie ihre Geschäftsmodelle nicht ändern und sich die EU mit einer ambitionierten Strategie für nachhaltige Finanzen durchsetzen.  Kaum verwunderlich also, dass BlackRock zu den schärfsten Kritikern des EU-Ansatzes für Sustainable Finance  und insbesondere seines Eckpfeilers, der Taxonomie-Regelung, zählt.[5] Genau dieser schärfste Kritiker soll nun also die EU-Kommission in ihrer Sustainable Finance-Strategie beraten – und dafür sogar noch mit mehr als einer halben Million Euro entlohnt werden.[6]

Die EU macht damit den Bock zum Gärtner: Sie holt sich einen Akteur ins Haus, der nicht objektiv ist, sondern der ein Geschäftsinteresse daran hat, die Sustainable-Finance-Strategie der EU zu verwässern.  Damit setzt die EU-Kommission ihre eigenen Ziele in Sachen Sustainable Finance aufs Spiel. Wenn ihr etwas an ihrer Glaubwürdigkeit gelegen ist, gibt es nur eine Konsequenz: Die EU-Kommission muss ihre Entscheidung rückgängig machen und die Zusammenarbeit mit BlackRock sofort einstellen.



[1] https://www.dw.com/de/blackrock-die-heimliche-weltmacht/a-18649183

[2] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/518085/umfrage/groesste-blackrock-beteiligungen-am-aktienkapital-von-dax-unternehmen/

[3] https://ted.europa.eu/udl?uri=TED:NOTICE:165869-2020:HTML:EN:HTML&tabId=1&tabLang=en

[4] https://www.theguardian.com/business/2020/apr/12/blackrock-eu-environmental-rules-for-banks

[5] https://www.finance-watch.org/press-release/finance-watch-denounces-the-incoherence-of-the-selection-of-blackrock-by-the-european-commission-to-integrate-esg-factors-into-eu-banking-frameworks/

[6] https://ted.europa.eu/udl?uri=TED:NOTICE:165869-2020:HTML:EN:HTML&tabId=1&tabLang=en