Wallet Wars: Der Kampf der Bankenlobby gegen den digitalen Euro

Eine Recherche von Pia Eberhardt

15.04.2026
Recherche Wallet Wars Wie die Bankenlobby den digitalen Euro bekämpft und so Europas Unabhängigkeit bedroht
  • Der digitale Euro soll die sicherste Form unseres Geldes – unser Bargeld – auch digital zugänglich machen. Gleichzeitig würde Europa im Bereich der kritischen Infrastruktur von Zahlungen unabhängiger von außereuropäischen Unternehmen wie Visa, Mastercard und PayPal.
  • Der neue Finanzwende-Report zeigt jedoch, wie der Banken- und Finanzsektor aus Profitinteressen massiv gegen dieses Vorhaben mobilisiert und mit einer umfangreichen Lobbykampagne das Geld der Zukunft erfolgreich ausbremst.
  • Es bleibt weiterhin abzuwarten, in welcher Ausgestaltung der digitale Euro kommen wird – und wie sehr er damit Europas Souveränität stärken und den Menschen nutzen wird. 

Es war einmal… eine gute Idee. Das Bargeld – die sicherste und derzeit einzig zugängliche Form von öffentlichem Geld – bekommt einen digitalen Zwilling: den digitalen Euro. Die dazugehörige öffentliche Zahlungsinfrastruktur macht Europa gleichzeitig unabhängiger von US-amerikanischen Unternehmen wie Mastercard, Visa oder PayPal. Das hieße zusammengefasst: Mehr Kontrolle über unser eigenes Geld, besserer Datenschutz und geringere Gebühren für die Händler.

Allerdings: Eine solche Vision verträgt sich nicht mit dem Profitinteresse der Banken. Kein Wunder also, dass die Bankenlobby das Vorhaben in Brüssel mit aller Macht bekämpft. 

Die neue Recherche von Finanzwende zeigt: Dank ihrer Lobbykampagne gegen das digitale Geld der Zukunft konnten die Banken dessen Einführung bisher erfolgreich verschleppen und sein Design maßgeblich in ihrem Sinne beeinflussen. Das führt nicht nur dazu, dass ein digitaler Euro entstehen könnte, der für Nutzer*innen wenig attraktiv ist; es ist außerdem eine Bedrohung für Europas Souveränität.

Profitinteressen statt Gemeinwohl

Die Position der Bankenlobby zum digitalen Euro lässt sich gut mit einem Zitat zusammenfassen:

„[Wir] würden es begrüßen, wenn der digitale Euro nicht zu erfolgreich würde“

Auf dem Spiel stehen schließlich Erträge aus dem Zahlungsverkehr sowie das für sie billige Geld aus den Kundeneinlagen – und damit Zinsgewinne in Milliardenhöhe.

Die Schreckgespenster der Banken

Um ihre Profite zu verteidigen, schüren die Banken Ängste sowohl vor dem Niedergang kleiner Geldhäuser als auch einem Finanzmarkt-Chaos. Die Debatte um den digitalen Euro wurde mit bisweilen abenteuerlichen Zahlen zu den ökonomischen Effekten sowie vermeintlich exorbitanten Kosten manipuliert. Damit versucht der Bankensektor sowohl den gesetzlichen Rahmen als auch die konkrete Vorbereitung des digitalen Euro in seinem Interesse zu beeinflussen.


Was treibt die Finanzlobby? Jetzt Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben:

Unsere Datenschutzerklärung finden Sie hier.


Lobbykampagne nach allen Regeln der Kunst

Für ihre Lobbykampagne nutzen die Banken Dutzende Positionspapiere, E-Mails und Briefe – und klopfen regelmäßig an die Tür der EU-Kommission. Während diese 2022/23 am Gesetzentwurf arbeitete, traf sie sich 58-mal mit Vertreter*innen der Finanzbranche; in der gleichen Zeit gab es nur ein Treffen mit einem Vertreter der Zivilgesellschaft. Stück für Stück dominierten Banken und Sparkassen so nicht nur den Diskurs zum digitalen Euro, sondern auch sein mögliches Design.

Vertreter*innen der Finanlobby: 58, davon 39 von der Bankenlobby und 19 andere Finanzlobby, wie zum Beispiel Kreditkartenkonzerne, Zahlungsdienstleister oder FinTechs. Verter*innen der Zivilgesellschaft: 1

Das Ziel der Kampagne? Eine Schmalspurversion des digitalen Euro, der privatem Geld möglichst wenig Konkurrenz macht. Dazu schlagen die Banken verschiedene Instrumente vor, um den digitalen Euro unattraktiv zu machen – und an dem Teil des Projektes, den sie nicht verhindern können, möglichst gut zu verdienen. 

Offene Ohren und Geschenke an die Banken

Das mantra-artige Wiederholen ihrer Forderungen und die Medienarbeit der Bankenlobby zeigen Wirkung, insbesondere beim Berichterstatter des zuständigen Ausschusses im Europaparlament (ECON), Fernando Navarrete Rojas. Dessen Vorschlag für eine Parlaments-Position ist in vielfacher Hinsicht ein Geschenk an die Banken:

Obwohl der digitale Euro öffentliches Geld ist, soll es einen Höchstbetrag geben, den Bürger*innen halten dürfen – und dieser soll nicht verzinst werden. Damit soll er bewusst auf die Funktion eines Zahlungsmittels begrenzt bleiben, statt auch als öffentliches Geld zum Sparen und Aufbewahren zu dienen. Das läge im Interesse der Banken, die keinen Wettbewerb um Einlagen auf ihren Konten wollen und so auch der zentrale Zugang zum digitalen Euro wären.

Der digitale Euro sollte auch Zahlungen günstiger als heutige Systeme machen. Denn für jede Kartenzahlung müssen Händler oft hohe Gebühren an Visa, Mastercard und Banken zahlen. Doch das geplante Gebührenmodell ist ein deutliches Zugeständnis: Banken hätten pro Transaktion geringere Kosten, könnten aber ähnlich hohe Gebühren verlangen – und so ihre Margen steigern. Und das, obwohl die zugrunde liegende Infrastruktur von der Zentralbank kostenlos bereitgestellt werden soll.

Es steht viel auf dem Spiel

Dabei ist die Gestaltung des digitalen Euro mehr als eine technische Detailfrage. Während bargeldlose Zahlungsströme heute maßgeblich über außereuropäische Infrastrukturen laufen und Big Tech immer weiter in den Finanzsektor drängt, entscheidet sich am digitalen Euro auch, ob Europa die Kontrolle über eine zentrale Säule seiner Wirtschaft behält – oder weiter aus der Hand gibt.

Europa braucht eine eigene, resiliente und öffentliche Zahlungsinfrastruktur. Es geht nicht nur um ein öffentliches digitales Zahlungsmittel, sondern um unsere wirtschaftliche Unabhängigkeit, demokratische Kontrolle und die Fähigkeit, im Ernstfall handlungsfähig zu bleiben. 

Richtig umgesetzt kann der digitale Euro all diese Bestrebungen erreichen; gerade deshalb können wir es uns nicht leisten, ihn zu einem Lehrstück über die Macht der Bankenlobby verkommen zu lassen.

Das letzte Wort ist noch nicht gesprochen

Anfang April ist die Zukunft des digitalen Euro noch offen. Zwar signalisierte das Europäisches Parlament Unterstützung, doch der zuständige ECON-Ausschuss blieb gespalten. Ob es am Ende für einen starken digitalen Euro reicht, bleibt jedoch unklar.