Von Herrenclubs und Finance Bros

Männlichkeitsnormen und ihr Einfluss auf die Finanzwelt

08.03.2026

Gastbeitrag von Gerhard Schick und Henriette Pflug für die vierte Ausgabe des Boykott Magazins

Kaum eine Branche ist so männlich dominiert wie die Finanzbranche. Ob auf dem Posten des Finanzministers, in den Chefetagen der großen Banken und Versicherungen, im Fondsmanagement oder auf der Täterseite der großen Finanzskandale – Frauen sind eine echte Rarität. 

Das ist kein Zufall, sondern historisch und strukturell gewachsen: So war es für Frauen in der Bundesrepublik bis in die 1960er Jahre hinein schwierig, überhaupt ihr eigenes Bankkonto zu eröffnen. Zuvor verwalteten die Ehemänner sämtliches Vermögen, auch den Lohn der Frauen – wenn es ihnen denn gestattet war, neben dem Haushalt einer Lohnarbeit nachzugehen.

Solche Hürden wirken auch heute noch nach. Einerseits machen sie sich in der Einkommens- und Vermögensverteilung zwischen Männern und Frauen bemerkbar. Andererseits zeigen sie sich in unserem Verständnis davon, wer in die Finanzwelt gehört. Denn wer in Sachen Finanzen als kompetent gelten will, muss sich oft an männlich konnotierten Eigenschaften messen lassen: Risikobereitschaft, Dominanz, Ehrgeiz und Rationalität. Wobei gerade die Kombination aus Kompetitivität und Selbstüberschätzung äußerst selten zur rationalen Entscheidungsfindung beiträgt. 

Solche Stereotype werden nicht nur in Unternehmensstrukturen, sondern auch in der öffentlichen Darstellung des Finanzsektors sichtbar – etwa in Filmen, Serien und Werbeanzeigen.


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Männer in Machtrollen, Frauen als Beiwerk

Im Jahr 2024 wertete die Universität Mannheim Finanzwerbung aus über 70 Jahren im „Economist“ aus. Das Ergebnis: In 84 Prozent der untersuchten Anzeigen wurden Männer als zentrale Figuren gezeigt – meist in professionellen und autoritären Rollen. Frauen tauchten seltener auf, und wenn, dann in untergeordneten Rollen mit begrenztem Finanzwissen. Von den wenigen weiblichen Hauptfiguren wurden zudem nur 15 Prozent als Finanz­expertinnen dargestellt.

Das mag, aus oben genannten Gründen, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts für die Unternehmen wirtschaftlich Sinn ergeben haben. Jedoch nähert sich laut der Studie das Verhältnis in der Geschlechterrepräsentation erst seit 2010 der 50/50 Marke. Den Studienautor*innen zufolge könnte die Tatsache, dass ein halbes Jahrhundert lang in der Finanzwerbung Geschlechterstereotype reproduziert wurden, sich erheblich auf die Beziehung der Frauen zu den Finanzen ausgewirkt haben.

Die männliche Dominanz setzt sich in der künstlerischen Auseinandersetzung mit der Finanzwelt fort. Eine Analyse von Finanzfilmen und -serien der letzten 15 Jahre im Auftrag der Investmentplattform eToro zeigt: Auf dem Bildschirm dominieren Männer. Frauen hingegen erscheinen – wenn überhaupt – in sexualisierten oder untergeordneten Rollen: als Ehefrau, Assistentin oder Geliebte. Diejenigen Frauen, denen mehr Sendezeit zuteil wird, legen „typisches Alpha-Männchen-Gehabe“ an den Tag: sachkundig, selbstbewusst und risikoaffin. 

Ob nun die Kunst die Realität imitiert oder andersherum, die Auswirkungen solch stereotyper Darstellungen machen sich in jedem Fall bemerkbar. Eine Befragung der Universität Mannheim unter Studierenden verschiedener Hochschulen zeigt, dass viele Studentinnen die Finanzbranche als unattraktiven Arbeitgeber empfinden – weil eine Tätigkeit in diesem Bereich nicht mit den eigenen Moralvorstellungen vereinbar sei. Viele befragte Frauen sagen zudem aus, dass sie die Arbeitsatmosphäre als wenig kollegial und stark von Rivalität geprägt empfinden würden – ein Aspekt, den ein Drittel der männlichen Befragten wiederum explizit als positiv bewertet. 

Zwischen Power Moves und Power Vest – die Finanzbranche als Subkultur

Liegt es aber nur daran, dass vor allem Männer im Finanzwesen tätig sind, dass das typische Täterprofil für Wirtschaftskriminalität in der kriminologischen Forschung „männlich, zwischen Ende 30 und Mitte 40, hochgebildet, deutsch, in leitender Position“ lautet?

Zwar mag es sein, dass Männer durch die höheren Positionen und größeren finanziellen Mittel über mehr Möglichkeiten verfügen, wirtschaftskriminell zu handeln. In Bereichen niedrigschwelliger Wirtschaftskriminalität findet man auch wirklich mehr Täterinnen vor. Jedoch sind auch hier weiterhin Männer für die Mehrheit der Fälle verantwortlich.

Eine andere plausible Antwort liefert die sogenannte Subkultur-Theorie. Und dass es sich bei der Finanzbranche um eine solche handelt, ist spätestens klar, seit die sogenannten Finance Bros mit ihren Chinohosen, Patagonia-„Power Vests“ und Airpods regelmäßig auf diversen Meme-Seiten auf Social Media auftauchen. In dieser Subkultur gelten nicht nur eine bestimmte Kleiderordnung, sondern auch eigene (männlich geprägte) Werte, Moralvorstellungen und Normen. Verstöße gegen eigentlich geltendes Recht werden nicht als Ausnahme toleriert, sondern vielmehr als Ausdruck der gemeinsamen Kultur honoriert. So entwickeln sich gruppendynamische Prozesse: Wer mithalten will, muss mitspielen.

Gleichzeitig greifen institutionelle Kontrollmechanismen oftmals zu kurz – oder fehlen sogar gänzlich. Die vielen verlockenden Tatanreize treffen also auf ein geringes Entdeckungsrisiko. Ob CumEx, Wirecard oder die Panama Papers – die großen Finanzskandale der letzten Jahrzehnte zeigen, wie tief diese Muster in der Branche verankert sind. 

Hinzu kommt: Wirtschaftskriminalität wird in Deutschland in der öffentlichen Wahrnehmung oft als „Kavaliersdelikt“ betrachtet – und entsprechend wenig konsequent verfolgt. 

Der Begriff selbst stammt aus einer Zeit, in der es als Ausdruck von Cleverness oder Männlichkeit galt, wenn ein gesellschaftlich privilegierter Mann – ein „Kavalier“ – gegen Regeln verstieß. Dieses Bild wirkt bis heute nach: Während Sozialleistungsbetrug gesellschaftlich schnell Empörung auslöst, bleiben große Wirtschaftsdelikte häufig abstrakt und folgenlos. Diese Asymmetrie in der Aufmerksamkeit wie in der Strafverfolgung ist Teil des Problems – und Ausdruck eines Systems, das finanzielle Macht mit gesellschaftlicher Narrenfreiheit verwechselt.

Zeit für einen Finanzwende

Die Missstände im Finanzwesen allein auf überholte Männlichkeitsbilder zurückzuführen, wäre zu kurz gegriffen. Doch sie sind Teil eines größeren Problems: Solange bestimmte Narrative, Rollenbilder und Machtverhältnisse unangetastet bleiben und immer wieder reproduziert werden, bleiben Fehlanreize und Grauzonen bestehen oder können sogar neue Blüten treiben. Wer Transparenz, Integrität und Fairness im Finanzsystem fordert, muss auch die zugrundeliegenden Machtverhältnisse und kulturellen Prägungen hinterfragen.

Als Bürgerbewegung Finanzwende setzen wir uns dafür ein, das Finanzsystem im Sinne des Gemeinwohls umzubauen – gegen die Interessen einer kleinen, einflussreichen Minderheit, die es derzeit dominiert. Als zivilgesellschaftliche Organisation machen wir sichtbar, wo Finanzmacht intransparent, verantwortungslos oder unkontrolliert bleibt – und zeigen, wie es anders geht. Denn eine gerechtere Finanzwelt ist möglich – aber sie kommt nicht von selbst. Sie muss erstritten werden. Auch gegen kulturelle und geschlechterbezogene Barrieren.