Interview mit Dani Parthum 13.03.2026 © Stefanie Link Frauen beschäftigen sich oft später und unter schwierigeren Voraussetzungen mit Geld – und das hat Gründe. Strukturelle Ungleichheiten, männlich geprägte Finanzprodukte und hartnäckige Klischees prägen bis heute den Umgang mit Finanzen. Im Interview erklärt Finanzwende-Gründungsmitglied Dani Parthum, auch bekannt als "Die Geldfrau", warum Finanzbildung auch eine Frage von Macht und Gleichberechtigung ist, was hinter dem Begriff feministischer Finanzbildung steckt – und welche politischen Veränderungen nötig wären, damit Frauen finanziell wirklich gleichgestellt sind. Sie beschäftigen sich seit Jahren intensiv mit Finanzthemen und haben viele Menschen ermutigt, sich stärker mit Geld zu befassen. Wann haben Sie selbst gemerkt, dass Finanzen auch eine Frage von Macht und Gleichberechtigung sind? Mir wurde das klar, als ich 2002 Mutter wurde. Ich war unverheiratet, Elterngeld gab es nicht. Mit der Geburt meines Kindes brach mein Einkommen weg. Staatliche Unterstützung bekam ich deshalb nicht, weil der Vater meines Kindes „zu viel“ verdiente – und wir zusammen lebten. Dass er Unterhalt für seine Exfrau und zwei Kinder zahlte, spielte keine Rolle. Hätten wir getrennt gelebt, hätte ich Anspruch auf Hilfe gehabt. Der Staat machte mich damit finanziell abhängig vom Vater meines Kindes. Sein Einkommen zählte – meines nicht. Mein Freund war Vater geworden und hatte weiter Einkommen. Ich war Mutter geworden und hatte keines. In diesem Moment habe ich verstanden: Finanzen sind auch eine Frage von Macht, Gesetzen und Gleichstellung. Mutterschaft kann Frauen unbeabsichtigt in ökonomische Abhängigkeit bringen. Was treibt Finanzwende? Jetzt Newsletter abonnieren und auf dem Laufenden bleiben: E-Mail* Unsere Datenschutzerklärung finden Sie hier. Anmelden Das Klischee, Frauen seien weniger interessiert an Finanzen oder schlechter darin, hält sich hartnäckig. Was erleben Sie in Ihrer Arbeit – und warum hält sich dieser Mythos so lange? Der Mythos hält sich so hartnäckig, weil Frauen über Jahrhunderte systematisch rechtlich und wirtschaftlich entmündigt wurden und Männer die Machtpositionen in Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft besetzen – und damit die Räume, in denen über Geld (und Recht) entschieden wird. Solche Rollenzuschreibungen verschwinden nicht über Nacht. Wir geben weiter, was wir gelernt und erfahren haben – in Familien, der Schule, im Job, durch die Gesellschaft. Zudem reproduzieren Medien, Werbung und Netzwerke diese überholten Rollen: der Mann als Versorger, Macher – die Frau als Kümmerin und finanziell unbedarft. Gleichzeitig sehen viele Männer Gleichstellung als Nullsummenspiel. Das zeigt u.a. die Ipsos-Studie zum Weltfrauentag 2026: Fast die Hälfte der Befragten meint, für die Gleichstellung wurde schon „genug getan“ und etwa ein Drittel der befragten jungen Männer finden, eine Ehefrau sollte ihrem Mann gehorchen. Außerdem hat sich die Zeitverwendung bei Paaren kaum verändert: Männer übernehmen bis heute nicht selbstverständlich ihren Anteil an Haus- und Sorgearbeit. Viele arbeiten als Väter weiter Vollzeit, als wäre nichts geschehen, während die Mehrheit der Mütter ihre Erwerbsarbeit unterbricht und viele Jahre reduziert. Dabei sind Elternzeit und Elterngeld geschlechtsunabhängig. Vaterschaft verändert also die Erwerbsbiografie kaum, Mutterschaft dagegen grundlegend mit drastischen Folgen: Teilzeit, geringere Einkommen, weniger Vermögen, weniger Gestaltungsmacht. Solange solche Realitäten mit Tradwife-Romantik und Männlichkeits-Influencern millionenfach flankiert werden, halten sich die Mythen über Frauen und Geld weiterhin systematisch. In meiner Arbeit sehe ich die Folgen: Frauen wird Familienvermögen verwehrt, während Brüder erben. Mädchen hören früh, sie seien „nicht gut in Mathe“. Über Geld zu sprechen gilt als unromantisch und für die eigene Arbeit einen angemessenen Lohn zu verlangen als anmaßend. Das nimmt Frauen Lebenschancen. Viele Finanzprodukte, Beratungsangebote und auch die Sprache der Finanzwelt richten sich noch immer implizit an Männer. Inwiefern trägt die Finanzbranche selbst dazu bei, dass Frauen sich weniger angesprochen fühlen oder schlechter beraten werden? Die Finanzbranche ist historisch von Männern für Männer gebaut worden, weil Frauen Erwerbstätigkeit und Vermögen verboten waren. Das beginnt bei der Sprache – Performance, Alpha, den Markt schlagen – und reicht bis zu Bildern von risikofreudigen Tradern und passiven Frauen, die das Geld ihrer Männer ausgeben. Daran hat sich nicht grundlegend etwas geändert. Viele Frauen spricht das nicht an (und auch viele Männer nicht mehr). Hinzu kommt die Vertriebslogik. Banken und vermeintliche Finanzberater verdienen ihr Geld mit Provisionen und meist komplexen, oft sinnlosen Produkten. Frauen wird dabei oft unterstellt, sie seien auf Sicherheit bedacht, wenig interessiert und inkompetent. Entsprechend werden sie häufiger als Männer in vermeintlich „sichere“, also teure, Produkte gelenkt – und nicht beraten. Das resultiert in Vermögenschäden für die betroffenen Frauen, was diese erfreulicherweise immer öfter früher bemerken, gegensteuern und Vertrauen in die Branche verlieren. Das eigentliche Problem liegt tiefer: Die Branche hat ihren ursprünglichen Auftrag aus dem Blick verloren – Menschen und Wirtschaft im Umgang mit Geld zu unterstützen, Risiken zu managen und beim Vermögensaufbau zu helfen. Stattdessen steht bei vielen Vorständen im Vordergrund, was sich für das Institut am meisten rechnet – und damit auch für sie persönlich. Im Rahmen Ihres Buches sprechen Sie unter anderem von „feministischer Finanzbildung“. Worin unterscheidet sich dieser Ansatz von der Finanzbildung, die bisher dominiert – und warum ist dieser Perspektivwechsel aus Ihrer Sicht nötig? Für mich beginnt feministische Finanzbildung damit, Mythen aufzuräumen. Einer der hartnäckigsten ist: Frauen könnten das nicht. Dabei basiert ein sinnvoller, nachhaltiger Umgang mit Geld und Vermögensaufbau auf Struktur, wenigen Regeln und der Bereitschaft, sich damit zu beschäftigen – und nicht auf Genialität, einem Studium, Beratung oder komplexen Strategien. Feministische Finanzbildung entzieht Hypes die Luft. Sie konzentriert sich auf das Wesentliche: verstehen, wie Geld und Wirtschaft funktionieren, wie Vermögen entsteht und welche finanziellen Entscheidungen im Alltag wirklich relevant sind. Gleichzeitig macht sie etwas, das in der klassischen Finanzbildung oft fehlt: Sie spricht offen über Geld und seine psychologische, gesellschaftliche Dimension: Das spricht viele Frauen nicht an – und auch viele Männer nicht mehr. Sich um seine Finanzen zu kümmern ist keine technische Übung, sondern Selbstermächtigung und Eigenfürsorge als Basis eines selbstbestimmten Lebens. Wenn wir über Geld nicht reden dürfen, entstehen Abhängigkeiten, verpasste Chancen und falsche Lebensentscheidungen. Trotz struktureller Ungleichheiten: Welche ersten Schritte können Frauen konkret gehen, um mehr Kontrolle über ihre finanzielle Situation zu bekommen? Um die eigene, finanzielle Situation sofort zu verbessern, empfehle ich den Griff zum Kontoauszug. Es ist der erste, einfachste Schritt: Erstens Klarheit: Auch wenn es banal klingt – es steckt darin die entscheidende Antriebskraft: alle Finanzzahlen des eigenen Lebens zusammentragen: Einkommen, feste und variable Ausgaben, Vermögen, Schulden, Rentenansprüche. Nur wer seine Zahlen kennt, gewinnt Überblick und Kontrolle und damit Handlungspielraum. Zweitens Unabhängigkeit: Eine Frau ohne eigenes Geld ist nicht selbstbestimmt. Deshalb gehört zur Grundausstattung jeder Frau ein eigenes Konto, eigene Rücklagen und ein eigenes Depot, auch als verheiratete Frau. Finanzentscheidungen jeder Art Partnern, Banken oder „Beratern“ zu überlassen, ist keine Selbstfürsorge, sondern fahrlässig. Drittens Investieren: Vermögen entsteht nicht auf dem Girokonto, mit Bausparverträgen oder intransparenten Versicherungsverträgen. Es ensteht, indem wir uns Wissen aneignen und selbst Vermögen für die Rente aufbauen – langfristig, strategisch, breit gestreut. Wer das „delegiert“, bleibt bis ins hohe Alter abhängig. Bei Finanzwende e.V. setzen Sie sich für ein gerechteres Finanzsystem ein. Welche Rolle spielt Geschlechtergerechtigkeit dabei – und was müsste sich im Finanzsystem ändern, damit Frauen finanziell wirklich gleichgestellt sind? Da müsste sich vor allem die Gesellschaft ändern. Geschlechtergerechtigkeit bedeutet schließlich gleiche Teilhabe, gleiche Ressourcen und gleiche Gestaltungsmacht – unabhängig vom Geschlecht. In der Finanzindustrie würde ich damit anfangen, den Anteil von Frauen in Führungspositionen entsprechend dem Anteil in der Belegschaft zu erhöhen. Beträgt der Frauenanteil beispielsweise 70 %, setzen sich Vorstand und Aufsichtsrat ähnlich zusammen. Das verändert Unternehmenskultur, Entscheidungen und die Kreditvergabe – im besten Fall das Geschäftsmodell. Desweiteren könnten ein Provisionsverbot bei Altersvorsorgeprodukten, ein staatlicher TÜV für Finanzprodukte und individuell formulierte Geeignetheitserklärungen statt standardisierter Textbausteine dazu beitragen, strukturelle Verzerrungen zu reduzieren. Außerdem brauchen wir endlich Transparenz und Finanzbildung – spätestens in der Berufsschule und im Studium. Wer versteht, wie Geld, Wirtschaft und Politik auf die eigene Lebenssituation wirken, trifft bessere Finanz- und Lebensentscheidungen, vermeidet Abhängigkeiten und ist weniger anfällig für manipulierendes Marketing und mediale Narrative. Wenn Sie eine Sache sofort ändern könnten, um die finanzielle Situation von Frauen zu verbessern – welche wäre das? Ich würde die Gesetze zum Kindesunterhalt ändern. Etwa die Hälfte der Unterhaltspflichtigen zahlt nicht und ein weiteres Viertel nur unregelmäßig. Die Folge: Viele Alleinerziehende – überwiegend Mütter – geraten finanziell unter Druck und sind auf den staatlichen Unterhaltsvorschuss angewiesen Dafür müssen die Mütter beim Jugendamt detailliert nachweisen, warum ihnen dieser Vorschuss zusteht. Eine absurde Logik. Die Beweislast gehört dorthin, wo das Problem verursacht wird: bei dem Elternteil, der seinen Unterhaltspflichten nicht nachkommt. Unser Rechtssystem stellt sicher, dass Kinder versorgt werden – aber nicht, dass beide Elternteile diese finanzieren. In der Realität bedeutet das: Betreuung, Organisation und ein Großteil der Kosten landen bei der Mutter und über den Unterhaltsvorschuss bei der Allgemeinheit. Diese Schieflage gehört beseitigt. Wie das geht, zeigen unsere Nachbarländer.